Burnout in der IT-Branche

Wie Prävention in der Praxis gelingt

Katrin Braun
Pressestelle

Universität Duisburg-Essen

14.12.2010 09:31
Von der einst „schönen neuen Arbeitswelt“ ist die Informationstechnik-Branche (IT) inzwischen weit entfernt: Der Preis- und Kostendruck im Projektgeschäft mit immer engeren Zeit- und Budgetvorgaben bringt viele Beschäftigte an die Leistungsgrenze. Psychische Erschöpfungszustände sind unter IT-Spezialisten weit verbreitet. Die Ursachen für Stress und Burnout und wie man in der Praxis vorbeugen kann, untersucht eine aktuelle Publikation aus dem Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen.
Der Sammelband enthält die Ergebnisse des dreieinhalbjährigen BMBF-geförderten Projektes „Demografischer Wandel und Prävention in der IT-Wirtschaft“. Am Forschungsverbund „DIWA-IT“ waren neben dem IAQ das Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF/München) sowie das Büro Moderne Arbeitszeiten (Dortmund) beteiligt.

„Arbeitsausfälle und Leistungsprobleme, verursacht durch Stress und Burnout, treten in zunehmend mehr Unternehmen der IT-Branche offen zutage“, so die Herausgeber Dr. Anja Gerlmaier und Dr. Erich Latniak. Dennoch werde das Thema bisher eher als individuelles Schicksal betrachtet, dessen Ursachen primär in der Person, etwa ihrer Überengagiertheit, ihrem möglichen Alkoholkonsum oder gesundheitlichen Vorerkrankungen gesucht werden. Damit werde allerdings die Chance vertan, auch die arbeitsbedingten Ursachen für Überforderungen zu identifizieren. Durch betriebliche Prävention kann die Arbeits- und Leistungsfähigkeit der „modernen Wissensarbeiter“ dauerhaft gesichert werden.

Stresspräventionskonzept

Neben einer Bestandsaufnahme der Belastungs- und Gesundheitssituation in der IT-Wirtschaft sollte in dem Projekt das Problembewusstsein für Fragen des demografischen Wandels und der Prävention in IT-Unternehmen und -Verbänden geschärft werden. Es ging um gute Praxislösungen für Arbeitsgestaltung und Unternehmenskultur und neue Präventionskonzepte speziell für verschiedene Phasen wie Berufseinstieg, Führung, Familienphase, ältere Beschäftigte. Erste Ergebnisse und Erfahrungen mit einem vom IAQ entwickelten Stresspräventionskonzept zeigen, dass etwa zwei Drittel der Teilnehmer auch ein Jahr nach Abschluss ihres Workshops die dort vermittelten Ansätze zur Stressminderung anwenden.

Zahlreiche Fallbeispiele belegen, wie Konzepte zur Stressprävention gemeinsam von Belegschaft, Management und Interessenvertretung erarbeitet und umgesetzt werden können. Unter anderem werden Ideen gerade für kleine und mittelständische Unternehmen vorgestellt, oder ein flexibles Arbeitszeitmodell in einem Pilotbetrieb, das den betrieblichen und Kunden-Anforderungen genügt und gleichzeitig durch individuelle Zeitspielräume und Pausengestaltung die Work-Life-Balance der Beschäftigten verbessert.

Weitere Informationen:
http://www.asanger.de/titeluebersicht/arbeitbetrieb/burnout-in-der-it-branche.ph…
Dr. Anja Gerlmaier, Tel. 0203/379-2408, anja.gerlmaier@uni-due.de; Dr. Erich Latniak, Tel. 0203/379-1814, erich.latniak@uni-due.de

Redaktion: Claudia Braczko, Tel. 0170/8761608, presse-iaq@uni-due.de

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Leaks als Geschäftsmodell.

aus Neue Zürcher Zeitung, 14. 12. 2010

Illegal? Mausklick-egal.

ras. · Wenn Chaoten durch Strassen ziehen, Scheiben einschlagen und den Verkehr behindern, provoziert dies regelmässig empörte Kommentare. Wenn sich – wie dieser Tage – Fans von Wikileaks zusammentun und mit gezielten Angriffen Websites lahmlegen, sind die Reaktionen verhalten. Höfliche Analysen und Expertengespräche erscheinen. Von rein symbolischen Handlungen ist die Rede. Tatsächlich sind beides Gewaltakte. Wer davon betroffen ist, wird den Vorfall keineswegs lustig finden.

Die unterschiedlichen Reaktionen spiegeln einen Mentalitätswandel, den das Internet fördert. Das Netz der Netze stärkt libertäre, wenn nicht anarchistische Allüren. Da hier eine Handlung bloss aus ein paar Klicks auf die Tastatur besteht, scheint alles so leicht wie legitim. Es geht ja keine Scheibe in die Brüche, niemand wird physisch verletzt. So findet digitale Subversion weitherum heimliche Sympathie.

In dieser antiautoritären Stimmung gerät jener, der die Wikileaks-Publikationen von US-Dokumenten kritisch beurteilt, schnell in den Verdacht braver Staatsgläubigkeit. Und weil die Kritiker meist Journalisten sind, heisst es dann, es gehe diesen bloss um das Niederschreiben der neuen, im Internet herangewachsenen Konkurrenten.

Das stimmt nicht. Unbestritten gehören Dokumente, welche Betrügereien, Menschenrechtsverletzungen oder andere Rechtsverstösse belegen, ans Licht der Öffentlichkeit. Solches zu tun, ist journalistische Pflicht. Ebenso braucht es kompromisslosen Quellenschutz. Medienhäuser dürfen wegen entsprechender Publikationen nicht polizeilich verfolgt werden. Eine Ausnahme von dieser Medienfreiheit kann der Staat nur geltend machen, wenn die nationale Sicherheit auf dem Spiel steht.

Die bisherigen Wikileaks-Publikationen zählen nicht zu diesem Ausnahmefall. In diesem Sinne soll Wikileaks ebenfalls vom Schutz der Publikationsfreiheit profitieren. Zwar erschüttert die Naivität, wie Journalisten Aussagen von Diplomaten über Aussagen von anderen Politikern gleich schon als bewiesene Tatsachen interpretieren. Doch auch das verantwortungslose Verbreiten von Klatsch aus dem Diplomatenmilieu ist Teil der Medienfreiheit.

Zeitgeistinterpreten sagen, mit dem Erstarken von Wikileaks verlören die Medien ihre zentrale Rolle als Drehscheibe für Informationen. Theoretisch ja. Praktisch bleiben sie als Organisatoren von massentauglicher Aufmerksamkeit wichtig. Nun entbrennt ein harter Kampf ums Internet-Geschäftsmodell Geheimnisverrat. Denn mit exklusiven Informationen können Medien ihre Marktposition stärken. Die «Sonntags-Zeitung» hat auf ihrer Website eine Hotline für Whistleblower eingerichtet. Dasselbe will die westdeutsche Gruppe WAZ tun. Die Idee wird weitere Nachahmer finden. Staat und Gesellschaft geraten unter argen Transparenz-Stress.

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Openleaks vor dem Start

Eine Art Briefkasten

ras. · Diese Woche soll Openleaks starten, eine neue Enthüllungsplattform. Mit dabei sind ehemalige Wikileaks-Aktivisten. Im Gegensatz zu Wikileaks will die neue Website nichts selber veröffentlichen, wie Openleaks-Vertreter Herbert Snorrason der «Süddeutschen Zeitung» am Montag sagte. «Wir bauen nur ein sicheres Computernetzwerk, eine Art elektronischer Briefkasten. In den kann jeder brisante Dokumente werfen und selbst bestimmen, wer die Papiere bekommen soll.»

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Sie plaudern sich die Finger wund

aus Neue Zürcher Zeitung, 13. 12. 2010

Elektronische Kommunikationsmittel verleihen dem schriftlichen Austausch neue Dimensionen

Die Jugend tippt dabei kräftig mit

Der Siegeszug der Instrumente SMS und Internet hat die Bedeutung der Schriftlichkeit im privaten Austausch erhöht. Eine Zürcher Studie relativiert nun Bedenken, der oft informelle Charakter könnte die Standardsprache der Jugend beeinflussen.

Von Urs Bühler

Wenigstens schreibt und liest sie wieder! So lautet der Stossseufzer vieler Erwachsener, wenn es um die Mediennutzung der heutigen Jugend geht: Kommunikationsmittel wie SMS, E-Mails und Chats bescheren dem schriftlichen Austausch nicht nur in dieser Altersgruppe eine Hochblüte, ähnlich wie Internet und Pendlerzeitungen das tägliche Lesen wieder populär gemacht zu haben scheinen. Hier wie dort stellt sich indes die Frage: Ist die neue Popularität der Schriftlichkeit allenfalls erkauft durch einen Mangel an Differenziertheit? Lässt die Bombardierung mit Satz-Häppchen, wie sie in Gratiszeitungen und im SMS-Verkehr üblich sind, das Gespür für vollständige Syntax verkümmern? Oder soll man sich lieber über die wort- und formbildende Kraft freuen, über die nachgerade poetische Verdichtung in der Kürzestform SMS – und wie ein Grossteil der Wissenschaft von Wandel statt Zerfall sprechen?

Schriftlicher Dialog

Als der sogenannte Short Message Service (SMS) vor bald zwanzig Jahren erfunden wurde, glaubte kaum jemand an sein Potenzial. Heute hat dieses Instrument einen Siegeszug von beispiellosem Tempo hinter sich. Es werden in der Schweiz täglich über 10 Millionen SMS verschickt, und das dazugehörige Verb «simsen» hat sich im Duden eingenistet.

Zu den Gründen für den sagenhaften Erfolg gehört die neu geschaffene Möglichkeit eines diskreten und unkomplizierten Austauschs quasi in Echtzeit. Da es sich zwar um eine schriftliche Form handelt, die aber eine dialogische Funktion erfüllt, spielen Eigenarten des mündlichen Sprachgebrauchs stark hinein. So schreiben zum Beispiel viele Jugendliche ihre SMS gerne in Dialekt.

Dürfte schon der Schritt von der Schreibmaschine zum Computer die Art und Weise der Textproduktion entscheidend verändert haben, so könnten die jüngsten Entwicklungen dies noch potenzieren. Manche Beobachter prognostizieren gar ähnliche Auswirkungen, wie sie die Erfindung des Buchdrucks mit sich brachte. Das hat auch damit zu tun, dass Blogs und Plattformen wie Facebook die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Schreiben verschwimmen lassen. Dies wiederum gehört zu den Gründen dafür, dass sich eine wachsende Zahl von wissenschaftlichen Untersuchungen aus verschiedenen Disziplinen den zugehörigen Phänomenen widmet. Die Linguistin Christa Dürscheid etwa erforscht am Germanistischen Seminar der Universität Zürich seit Jahren Aspekte der Jugendsprache, auch im Kontext der neuen Medien; ihre jüngste, soeben in Buchform herausgekommene Studie gilt der Frage, ob die private Nutzung elektronischer Schreibformen den Sprachgebrauch im schulischen Umfeld nachweislich beeinflusst.

Dialekt fliesst in Schultexte

Das Forscherteam analysierte von 2006 bis 2009 akribisch rund 1000 schulische Arbeiten sowie ähnlich viele elektronisch übermittelte Freizeittexte von Jugendlichen aus Deutschschweizer Gymnasien, Sekundar- und Berufsschulen. Das Fazit: Der Einfluss scheint geringer als angenommen. Er liess sich auf der gewählten Versuchsbasis kaum nachweisen. Das galt auch für Schüler, die nach eigenen Angaben privat besonders oft SMS, E-Mails und Chat-Beiträge tippen. So kommen die Verfasser zum Schluss, dass die häufige Nutzung dieser Formen in der Freizeit weder als Vor- noch als Nachteil für den Erfolg im Deutschunterricht gelten könne.

Gleichzeitig tritt im untersuchten Material eine grosse Variationsbreite an Stilmitteln zutage, die durchaus situationsgerecht eingesetzt werden. So fand sich beispielsweise nur eine einzige der Inflektiv-Konstruktionen wie «*freu*», die bei der Jugend im elektronischen Schriftverkehr sehr beliebt sind, in einem Schultext wieder. Die Schlüsselfrage, ob die Jugend heute ihren Stil noch den verschiedensten Schreibsituationen anzupassen vermag, wird somit von den Verfassern tendenziell bejaht.

Allerdings ist einzuschränken, dass auf lexikalischer Ebene in einem bestimmten Bereich eine Auffälligkeit verzeichnet wurde: Mundartliche Wörter flossen auffallend oft in Schultexte ein. Das könnte eine Folge dessen sein, dass gerade durch den SMS-Verkehr für viele Junge der Dialekt im schriftlichen Umgang erste Wahl ist und so ein Konkurrenzverhältnis zur Schriftsprache entsteht. Auch deshalb empfiehlt die Studie, dass die Schule das Schreiben in unterschiedlichen Kontexten und Medien vermehrt zu thematisieren habe.

Noch viel zu forschen

Mit dem bei Sprachwissenschaftern verbreiteten Reflex, Entwicklungen aller Art fast schon euphorisch zu werten, wird in der vorliegenden Studie zwar angenehm zurückgehalten. Umgekehrt erhalten hier aber auch jene eher seltenen Stimmen aus der Forschung keine neue Munition, die nachdrücklich vor einem verkümmernden Repertoire warnen. Zumal allgemeine Aussagen über die Entwicklung der Sprachkompetenzen nur mit Hilfe von erweiterten Versuchsanlagen möglich wären: Die Frage, inwiefern die Nutzungen elektronischer Medien allgemein den Sprachgebrauch und die Sprachfähigkeiten über die Jahre hinweg verändern, müsste in Langzeitstudien geklärt werden – was in Zürich bereits vorbereitet wird.

Gespannt sein darf man zudem auf Resultate eines international angelegten Projekts, das eine überaus breite Datenbasis für SMS-spezifische Sprachformen schafft: Vor einem Jahr wurde unter anderem die Schweizer Bevölkerung aufgerufen, private Kurznachrichten aus dem Speicher ihrer Mobiltelefone für Forschungszwecke zur Verfügung zu stellen. Unter Federführung der Universitäten Neuenburg und Zürich wird das so gesammelte Material nun sprachwissenschaftlich untersucht.

Christa Dürscheid, Franc Wagner, Sarah Brommer: Wie Jugendliche schreiben. Schreibkompetenz und neue Medien. De Gruyter, Berlin/New York 2010.

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Assange.

aus Neue Zürcher Zeitung, 10. 12. 2010

Verlorene Unschuld

Assange unter Anklage

Barbara Villiger Heilig · Als «geheim» oder «vertraulich» geltende Dokumente stehen im weltweiten Web. Inwiefern das richtig oder falsch ist, darüber debattieren die einen, die andern lesen unterdessen Wikileaks; manche tun beides. Der Gründer und Chef des Internetportals, Julian Assange, ist aber nicht verhaftet worden, weil er die Dokumente publiziert hat, sondern wegen vorgeworfener Vergewaltigung; und deshalb schaut die Weltöffentlichkeit nun auch unter die Bettdecken zweier Frauen, die mit Assange Sexualverkehr hatten. Was sich genau abspielte in den Betten, ist naturgemäss schwierig zu rekonstruieren; meistens lädt man zum Sex keine Zeugen ein.

Was an Geschichten kursiert – sie sind u. a. die Basis für das Verfahren vor Gericht -, sieht etwa wie folgt aus: Eine Schwedin namens Anna A. beherbergte Assange; sie teilten nebst der Wohnung eines Abends auch das Bett. Kondome waren im Spiel, eines soll geplatzt sein. Anna A. organisierte darauf eine Party für Assange und zwitschert via Twitter Einladungen ins Blaue. Ihr Nachtgefährte flirtete da bereits mit einer anderen Schwedin, Sophia W., die ihn auf einem Seminar erlebt hatte und sogar mit ihm ins Kino gegangen war. Bei Anna A.s Party telefonierte Assange offenbar mit Sophia W., um ein Treffen zu vereinbaren. Auch mit ihr sei er «intim geworden», wie es heisst. Tage später lernten sich die beiden Damen kennen, weil Sophia W. sich bei den Veranstaltern des Seminars nach dem Verbleib von Assange erkundigte und per Telefon an Anna A. gelangte. Die Szene darf man sich als Fernsehserien-würdig vorstellen, denn bei dem Gespräch kam an den Tag, welch treuloser Lover Assange war. Für kein weibliches Wesen wirkt ein solcher Moment speziell erhebend; in Filmen sinnen die Betroffenen jeweils auf Rache.

Im richtigen Leben scheinen Anna A. und Sophia W. den Film gewechselt zu haben – von «Sex and the City» zu «Desperate Housewives»: Sie marschierten gemeinsam zur Polizei, wo das geplatzte Kondom die Hauptrolle übernahm. Aus den Liebesnächten wurden so handkehrum Vergewaltigungen. Es ist alles eine Frage der Definition, in Schweden freilich aufgrund des strengen Sexualstrafrechts auch eine Frage der Gesetze und ihrer Auslegung. Ab welchem Punkt eine erotische Begegnung in «Belästigung», «Nötigung» oder «Ausnützung von Opfern» umschlägt, ist zwar weder inner- noch ausserhalb Schwedens in jedem Fall blosse Interpretationssache. Im vorliegenden sieht es aber deutlich danach aus; überlassen wir den Anwälten die Aufgabe, herauszufinden, wer «schuld» war an Flirt, Anmache, Verführung bzw. wann genau das Getändel umschlug in Gesetzesbruch. Möglicherweise entpuppt sich ja der Kondom-Hersteller als Hauptschuldiger, er soll sich vorsehen.

Den Schwedinnen aber, allgemein, blühen fortan keusche Zeiten, wenn sie in der Disco, wo bekanntlich gern Alkohol konsumiert wird, auf Eroberung gehen (Geschlechtsverkehr mit stark Alkoholisierten gilt in Schweden als Vergewaltigung). Was nämlich die Männer betrifft, sind sie gut beraten, ihre Partnerinnen nach dem Pass zu fragen, bevor sie konkreter werden, sprich: intimer.

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Noch einmal: Wikileaks.

aus Neue Zürcher Zeitung, 7. 12. 2010

Seltsame Händel um Wikileaks

ras. · Wie selbstlos sind die Aktionen von Wikileaks und deren Partner? Blicken wir zurück: Radio Basel erregte letzte Woche über die Schweiz hinaus Aufmerksamkeit. Dies, weil dessen Chef, Christian Heeb, pfiffig war und als Erster an die Wikileaks-Informationen des «Spiegels» herankam, welche das Magazin erst einen halben Tag später unters Volk bringen wollte. Heeb handelte legal und hatte also das Recht, darüber zu berichten. Er sendete erste Informationen, brach aber ab, weil der «Spiegel» einen Handel anbot: US-Dokumente über die Schweiz gegen Einhaltung einer Sperrfrist.

Hier ging es um eine geschäftliche Absicherung im Kampf um exklusive Informationen. Kein Geld floss, aber «heisse» Informationen wurden getauscht. Wer solche besitzt, kann ja daraus ein Geschäft machen. Für den «Spiegel» zahlen sie sich offenbar aus. Die erste Wikileaks-Ausgabe verkaufte sich sehr gut, und am Freitag kommt zudem ein Spezialheft über die «enthüllte Supermacht» auf den Markt.

Sperrfristen sind im Kommunikationssektor eine oft gebrauchte Massnahme, um Journalisten gleich zu behandeln und ihnen eine von Konkurrenzdruck geschützte Vorbereitungszeit zu ermöglichen. In diesem Fall profitierten aber nur ein paar wenige Medien. Laut der «Washington Post» verlangte Wikileaks von den Partnern das Recht, bei Verletzung der Sperrfrist eine «Busse» von 100 000 Dollar zu kassieren.

Interessant scheint dabei, dass die «New York Times» («NYT») diesmal nicht von Wikileaks privilegiert wurde, sondern über den «Guardian» Erstinformationen erhielt. War die «NYT» in Ungnade gefallen, weil sie ein kritisches Porträt über den Wikileaks-Chef Julian Assange verbreitet hatte? So mutmasste der «NYT»-Chefredaktor. Die «Washington Post» wiederum kontaktierte den «Guardian» zwecks einer Kooperation, was dieser ablehnte.

Man sieht: Im Fall Wikileaks spielen die profanen Mechanismen des Medienbetriebs. Jeder will Geld verdienen, und Dokumente teilt man mit Konkurrenten gemäss eigenen Interessen. Missliebigen wiederum droht eine Abstrafung durch Ausschluss vom Informationsfluss. Als Inhaber der heissen Ware verfügt Julian Assange über grosse Macht gegenüber seinen Partnern. Warum und wann er welche Dokumente an wen verteilt – all das bleibt für die Öffentlichkeit jedoch im Dunkeln. Solches Gebaren ist kein Musterbeispiel für Transparenz. Wikileaks steht vielmehr im Widerspruch mit sich selbst.

Überdies förderten die Enthüllungen bisher nichts Wichtiges zutage, das nicht schon bekannt gewesen wäre. Wozu also der Aufwand? Das tropfenweise Streuen von diplomatischen Dokumenten gleicht einem Informationskrieg, der ein öffentliches Klima der Angst und Verunsicherung schaffen soll. Das sind die Methoden des Terrors.

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Wikileaks? Na ja…

aus: FAZ.NET

Die Soziologie des Lügens

Immer treu und redlich?

Wer Geheimnisse verrät, gilt als Schuft. Oder als Held, je nachdem. Wie viel Aufrichtigkeit verträgt ein Sozialwesen? Der Fall „Wikileaks“ ist ein schönes Beispiel dafür, was passiert, wenn diese Regeln verletzt werden.

Von Jürgen Kaube

5. Dezember 2010

Jede soziale Beziehung beruht darauf, dass die Beteiligten zwar etwas und vielleicht sogar viel, aber längst nicht alles voneinander wissen. Die Diskretion, die man wahrt, die Zudringlichkeit, die man vermeidet, sind Elemente des zivilen Umganges miteinander. Das gilt für Ehepaare so gut wie für Chefs und Angestellte oder eben auch für Staaten.

Der Fall „Wikileaks“ ist ein schönes Beispiel dafür, was passiert, wenn diese Regeln verletzt werden. Die am häufigsten fallenden Begriffe sind in diesem Zusammenhang: Betrug, Transparenz, Verrat, Öffentlichkeit, Aufklärung, Verlogenheit, Geheimnis. Mal sind dabei die Lügen der Politik und der Diplomatie gemeint, mal wird „Wikileaks“ die Zerstörung von politischem Vertrauen vorgeworfen. Darauf entgegnen die Verteidiger der Publikation geheimer Dokumente, mit dem Vertrauen sei es, wenn man die Texte der Diplomaten über andere Politiker lese, offenbar sowieso nicht weit her. Außerdem gehöre Politik qua definitionem zur „res publica“, also zu den öffentlichen Dingen. Dem wiederum steht die Feststellung entgegen, dass das Briefgeheimnis auch und vielleicht sogar in besonderer Weise für Amtsträger zu gelten hat.

Nicht lügen ist theoretisch leicht

Vor mehr als hundert Jahren wurde eine Tradition der Soziologie begründet, die sich genau mit diesen Fragen beschäftigt. Ihre Gründungsdokumente sind zwei Texte von Georg Simmel: Seine 1899 verfasste „Psychologie und Soziologie der Lüge“ sowie das fünfte Kapitel seiner 1908 erschienenen „Soziologie“ unter dem Titel „Das Geheimnis und die geheime Gesellschaft“. Beide beschäftigen sich mit der Frage, wie viel Aufrichtigkeit das soziale Leben braucht und wie viel es davon aushält.

Es gibt, schreibt Simmel, eine besondere Beziehung der Wahrhaftigkeit zum Ich-Gefühl. Das Ideal, nicht zu lügen, ist, psychologisch betrachtet, viel leichter zu erfüllen als alle anderen Tugenden. Es liegt nur am Individuum, es nicht zu tun. Der Lügner dagegen verletzt nicht nur Pflichten gegen andere, er tritt buchstäblich auch in Widerspruch zu sich selbst.

Wer einmal lügt…

Zum Thema

Denn der Lügner muss, Simmel zufolge, stets zwei Vorstellungsreihen in seinem Bewusstsein wachhalten – seine wirkliche Meinung und die nach außen dargestellte. Das spaltet seine Persönlichkeit, macht aber auch ein besonderes Geschick erforderlich. Die Lüge muss im Einklang mit Tatsachen stehen, in deren Bild sie jedoch etwas einfügt, was nicht dahin gehört. Leicht zieht eine Lüge dann weitere nach sich, die zur Unterstützung der ersten („Wir hatten noch eine späte Sitzung, Schatz“) eingesetzt werden. Neurowissenschaftliche Studien haben ergeben, dass gelogene Antworten stets um Bruchteile einer Sekunde später erfolgen als wahre.

Der Lügner galt Simmel als Inbegriff dessen, der nicht nur gegen das Gute agiert, sondern auch gegen das Wahre. Insofern schwimme er gegen den Strom. Das freilich gilt nur für Lügner, die in der Sache lügen. Ein wenig anders verhält es sich mit Leuten, die Freundlichkeit vorgeben und in Wahrheit unfreundlich sind, die also über Tatsachen hinwegtäuschen, die sie selbst betreffen. Sie lügen nicht, sie spielen eine Rolle.

Rollenspiel oder Lüge?

Das Rollenspiel besitzt nun aber die Eigenschaft, dass dem Spieler im Unterschied zum Lügner ein Teil seines Aufwandes an Verstellung von der sozialen Situation abgenommen wird. Es war der amerikanische Botschafter ja schließlich nicht von der Kanzlerin gefragt worden, ob er sie für kreativ halte oder was er denn so über ihren Außenminister denke. Er musste gar nicht lügen. Zeremoniell, Höflichkeit, Rhetorik erlauben es dem, der sich verstellt, mit dem gesellschaftlichen Strom zu schwimmen. Ja, es ist mitunter nicht einmal Verstellung im Spiel: Von Diplomaten wird traditionell erwartet, dass sie nach außen verbindlich sind. Der Aphorismus, wonach Diplomatie die Kunst sei, zweimal nachzudenken, bevor man gar nichts sage, beschreibt dieses Zuhausesein in Formalitäten.

Der Begriff der sozialen Rolle, den der amerikanische Ethnologe Ralph Linton 1936 einführte, meint genau dies: allgemeine Erwartungen, die das Individuum davon entlasten, all seine Handlungen auf die eigene Kappe zu nehmen. Die Rolle befreit vom Vorwurf der Lüge. Das Individuum verstellt sich nicht, sondern es handelt zum Beispiel als Kellner, Vater, Kläger oder Wähler auf jeweils unterschiedliche Weise, die es selbst nicht begründen muss. Diplomatie ist für die soziologische Rollentheorie schon darum ein paradigmatischer Fall, weil in diesem Wort zwei Bedeutungen zusammenkommen. Die eine meint politische Gesandtschaften, die andere Techniken der Imagepflege, also des Versuchs, vor anderen ein Selbstbild aufrechtzuerhalten. Diplomatisch wird insofern auch außerhalb der Diplomatie agiert.

Diplomatische Anfänge

Die Diplomatie im engeren Sinne ist Kind eines Zeitalters, in dem zum ersten Mal offen und positiv über Täuschung als Mittel der Politik gesprochen wurde. Den Anfang machte 1455 das Herzogtum Mailand, als es seine Vertreter bei der Republik Genua als ständige Gesandte bezeichnete. Es war, wie Pietro Gerbore in seiner Geschichte der Diplomatie formulierte, die Zeit der Ränkespiele des Mailänder Herzogs Ludovico Sforza, genannt „il Moro“, der Dunkle, und die des berüchtigtsten aller politischen Theoretiker, Niccolò Machiavelli, der auf Jahrhunderte hinaus verhasst war, eben weil er die Verstellung als ganz normales Mittel der Politik bezeichnet hatte.

Dass Gesandte ein freundliches Gesicht gegenüber Politikern machen, die sie in ihren Berichten anschließend in scharfe Beleuchtung setzen, ist seitdem erwartbar. Wer es Lüge nennt, sollte sich fragen, wie viel er selber seiner Umgebung von sich preisgibt. Dass die Grundunterscheidung des diplomatischen Handelns die zwischen Vorderbühne und Hinterbühne ist, sollte eigentlich niemanden überraschen.

Zwei verschiedene Rollenerwartungen

Der 1982 verstorbene kanadische Forscher Erving Goffman, eine Jahrhundertfigur der empirischen Sozialforschung, hat diese Unterscheidung als eine allgegenwärtige gesellschaftliche Struktur beschrieben. Für Goffman ist das soziale Leben vor allem vom Versuch aller Beteiligten bestimmt, ihr Gesicht zu wahren. Um weder das persönliche Gesicht noch das der jeweiligen Rolle zu verlieren, müssen bestimmte Handlungen unsichtbar bleiben. So ist der Kellner zwar derjenige, der den Gast bedient. Er ist gleichzeitig aber auch Kollege der anderen Kellner. Beides passt nicht immer zusammen, also wird die Interaktion mit den Kollegen auf die Hinterbühne des Restaurants verlagert, auf der dann der Klatsch über die Gäste gemeinschaftsbildend wirkt. Man sieht sofort die Analogie zum Diplomaten, der ebenfalls zwei komplementäre Rollenerwartungen kennt: die seines Dienstherrn und die der Politiker, mit denen er umgeht.

Der norwegische Soziologe Vilhelm Aubert hat in seinen „Elements of Sociology“ von 1967 drei Strategien identifiziert, die in solchen Fällen zum Einsatz kommen. Zum einen ist das die räumliche Trennung des Publikums von den Akteuren in Form von Restaurantküchen, Lehrerzimmern, Büros ohne Publikumsverkehr. Oder es bildet sich eine zeitliche Hinterbühne, wie beim Gespräch der Eltern, wenn die Kinder zu Bett gebracht wurden. Auch Frau Merkels SMS-Gebrauch gehört dazu, und man würde sich vermutlich wundern, wenn „Wikileaks“ diese Dokumente publizieren würde.

„Geheimsprache“

Eine zweite Strategie besteht in der Verwendung von Sprachen, die das eine Publikum versteht, das andere aber nicht, etwa wenn Ärzte untereinander Latein vor Patienten reden. Oder wenn Eltern sich in Anwesenheit der Kinder nur mittels Anspielungen verständigen. Und schließlich ist auch das Spezialistentum ein Weg, Rollenkonflikte in einer Person zu vermeiden: Wenn die Amerikaner beispielsweise für das freundliche Auftreten gegenüber der Kanzlerin den Botschafter beschäftigt hätten und für die abfälligen Berichte einen eigenen Geheimdienstmann, hätte der US-Botschafter Philip Murphy jetzt kein persönliches Imageproblem.

Jede soziale Situation hat insofern im buchstäblichen oder übertragenen Sinn eine Hinterbühne. Sogar dort, wo es erklärtermaßen um Öffentlichkeit geht: Wenn Sitzungen des Parlaments im Fernsehen übertragen werden, führt das nicht zu mehr Transparenz, sondern zur Klage über den dann angetretenen Rückzug in die „Hinterzimmer“. Oder die Beschwerde lautet, die Politiker stritten sich nur vor den Kameras, wenn diese hingegen ausgeschaltet seien, herrsche Kumpanei. Man sieht: Ob die Kameras an sind oder aus, ändert gar nichts an der Existenz von Hinterbühnen und daran, dass vorn vor Publikum mindestens eine Seite Theater spielt.

Hinterbühnen in den Medien

Joshua Meyrowitz, ein Schüler Erving Goffmans, der an der Universität von New Hampshire lehrt, hat daraus eine Theorie des Journalismus abgeleitet. Insbesondere das Fernsehen, so seine These in „No Sense of place“ (deutsch: „Die Fernseh-Gesellschaft“, 1987), aber auch andere elektronische Medien zerstören Hinterbühnen. So seien die Frauen in den späten sechziger Jahren erst durch die Medien mit der Berufswelt ihrer Männer bekanntgemacht worden, die Kinder mit dem, was Eltern sonst von ihnen fernhalten wollten, das Volk schließlich mit dem Erscheinungsbild seiner Politiker. So kam es, meint Meyrowitz, 1968 zum Protest einer vom Fernsehen sozialisierten Generation.

Das leuchtet auch im vorliegenden Fall ein: Allein die Tatsache, dass nun überall versucht wird, bei „Wikileaks“ nachzuschauen, wer was über wen gesagt hat, schleift die Hinterbühne der Diplomatie. Der Strukturwandel der Öffentlichkeit durch das Internet ist hier deutlich greifbar. Wenn aber die Diplomatie keine Lüge ist, sondern nur der Inbegriff des Rollenhandelns, ohne das niemand auskommt – kann dann die Offenlegung des diplomatischen Alltags Wahrheit sein? Missstände aufzudecken, die sich auf Hinterbühnen verbergen, ist eine Aufgabe von Journalisten. Doch ist die Existenz von Hinterbühnen selber ein Missstand?

Der Reiz der Mitteilung liegt deshalb weniger auf der Sachebene als in der Destruktion eines Images, im gezielten Kollabierenlassen einer Vorderbühnendarstellung. Aber das betrifft nur den Botschafter persönlich. Diplomatie an sich wird niemals im Sinne von „Wikileaks“ aufrichtig sein können. Es bleibt der Eindruck, dass das Interesse am Botschafter, der vorne kratzfüßig ist und hinten ein Schandmaul, weniger der Information und der Aufklärung dient als vielmehr der Unterhaltung. So gesehen, tut „Wikileaks“ in diesem Fall nur, als decke es eine Machenschaft auf. Und so gesehen, ist das Internetforum jetzt selbst zu einem Beispiel dessen geworden, was es anprangert.

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Nota.

Da dieser Autor fein sachlich bleibt, darf ich mir die Bemrkung erlauben: Welchem Zweck diese Veröffentlichungsrunde von Wikileaks gedient hat, ist auch mir nicht ersichtlich. Eine Menge Peinlichkeiten, ja ja, aber wer hat was davon? Irgendeine politische Sensation ist bislang nicht ruchbar geworden. Und selbst wenn – ob durch die Abschaffung der Geheimdiplomatie der Frieden in der Welt sicherer oder die Verteilung der Reichtümer gerechter würde, ist durchaus fraglich.

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Tja, Wikileaks…

aus Ich sag mal…


Hacker-Ethik versus Staatsbürokratien

Eine erste Entscheidungsschlacht #wikileaks

4. Dezember 2010

Quantcast

Man wird sich diese Tage merken müssen, mit welchem Kesseltreiben, Staaten, Firmen und Politiker gegen die Enthüllungsplattform WikiLeaks vorgehen. Man wird sich überlegen müssen, ob man noch Firmen beauftragt oder als Dienstleister nutzt, die sich im vorauseilenden Gehorsam zum verlängerten Arm der obrigkeitsstaatlichen Deutungsmächte degradieren lassen. Man wird sich überlegen, mit wem man kooperiert, Geschäfte abschließt und im Netzwerk zusammenarbeitet: Amazon, Paypal oder everydns.net zählen wohl nicht mehr zur ersten Wahl.

Man sollte sich etwas genauer mit den Umständen des Haftbefehls gegen Julian Assange auseinandersetzen. Und mit Tweets, die mittlerweile gelöscht wurden:

Freigeister sollten sich von diesem Kampf der etablierten Mächte gegen die Selbstorganisation des Netzes nicht beeindrucken lassen. Die Positionselite will ihre Deutungshoheit retten und sie wählt die alten Taktiken des repressiven Konformismus. Wer aus der Reihe tanzt, wird zur persona non grata erklärt. In der Agitation gegen Assange soll ein Exempel statuiert werden, um „Nachahmer“ abzuschrecken. Die Staatsapologeten können es einfach nicht verkraften, dass im Internet jedermann die Möglichkeit besitzt, seinem Wort Gehör zu verschaffen. Die Metapher vom gläsernen Palast war schon von altersher ein Idealbild der demokratischen Ordnung – nur nicht für Politiker, die nicht für die Politik , sondern von der Politik leben. Transparenz ist ein Störfaktor für Machtpolitiker. Sie empfinden es als Zumutung, nicht mehr im inneren Zirkel der politischen Klasse verhandeln zu können, sondern sich mit dem politischen Universum selbstbewusster Bürger herumschlagen zu müssen. Wahrheit war niemals eine Tugend der Diplomaten – sie bevorzugen die kunstvolle Täuschung. Es handelt sich um eine organisierte Manipulation von Tatbeständen, der wir überall begegnen. Das funktionierte in der Vergangenheit recht gut. Nun steht der Machtanmaßung die Unberechenbarkeit und Unkontrollierbarkeit des Netzes entgegen.

Spiegel Online hat das sehr gut zusammengefasst. Der radikalen Haltung von Julian Assange und seinen Mitstreitern liegt eine Programmatik zugrunde, die ein Vierteljahrhundert alt ist: die Hacker-Ethik. „Und ihr Schöpfer Steven Levy ist der unbekannteste unter den einflussreichen Theoretikern des 20. Jahrhunderts. Levy ist kein Philosoph, auch kein Soziologe oder Staatsrechtler. Aber seine Thesen haben in der digitalen Gegenwart massive, weltverändernde Auswirkungen. Mit seiner ‘Hacker-Ethik’ legte er den Grundstein für eine Ideologie, die schon Industrien ins Wanken, Regierungen in die Bredouille und Politiker und Manager an den Rand der Verzweiflung gebracht hat. Linux und Napster, Wikipedia und WikiLeaks – eine Vielzahl von Schöpfungen des digitalen Zeitalters, die radikale, rasante Veränderungen hervorgebracht haben, sind Kinder von Levys Hacker-Ethik. Genau wie viele derer, die sich nun hinter WikiLeaks stellen und das Recht der Organisation verteidigen, Geheimdokumente zu veröffentlichen“, schreibt Spiegel Online.

John Perry Barlow@JPBarlow
John Perry Barlow 

Years ago, I wore a button for some time that declared: “I am Salman Rushdie.” Now: I am Julian Assange. #SaveWikiLeaks

3. December 2010 1:22 pm via webRetweetReply

So wie das Internet-Urgestein John-Perry Barlow, der am Freitag über Twitter eine Unterstützungskampagne für WikiLeaks startete und von einem „Informationskrieg“ sprach. Barlow formulierte 1996 die Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace. Levy formulierte die „Hacker-Ethik“ 1984: „Misstraue Autoritäten – fördere Dezentralisierung. Der beste Weg, den freien Informationsfluss zu fördern, besteht in einem offenen System, in dem es keine Grenzen gibt zwischen dem Hacker und einer Information oder einem Gerät, das er auf seiner Suche nach Wissen, nach Information und nach Online-Zeit benötig. Das Letzte, was macht braucht, ist Bürokratie. Bürokratien, egal ob in Form von Unternehmen, Regierungen oder Universitäten, sind fehlerhafte Systeme, die gefährlich sind, weil sie keinen Platz bieten für den forschenden Impuls echter Hacker. Bürokraten verstecken sich hinter willkürlichen Regeln. Sie beschwören diese Regeln herauf, um ihre Macht zu festigen und begreifen den konstruktiven Impuls als Bedrohung“, so Levy. Wenn die Staatsbürokraten von der Bedrohung nationaler Sicherheit faseln, meinen sie die Bedrohung ihres eigenen Macht-Biotops.

„Das Programm von WikiLeaks setzt die Hackerethik nun in ihrer radikalsten Form um: Wenn alles öffentlich, jede Information verfügbar ist, so interpretiert Julian Assange Regel Nummer drei, dann kann das der Menschheit nur zum Vorteil gereichen. Nur so könne die Ungerechtigkeit in der Welt bekämpft werden, glaubt er: ‘Nur auf enthüllte Ungerechtigkeit kann man antworten; damit der Mensch intelligent handeln kann, muss er wissen, was tatsächlich vor sich geht’, schrieb er Ende 2006, kurz nach der Gründung von WikiLeaks. Assange geht allerdings in seiner Interpretation deutlich weiter, als sich Levy das wohl gedacht hatte. Er betrachtet Information explizit als Werkzeug radikaler politischer Veränderung: ‘Ungerechte Systeme’, schrieb er 2006, seien durch massenweise Datenlecks ‘besonders verwundbar denen gegenüber, die sie durch offenere Formen des Regierens ersetzen wollen’“, so Spiegel Online.

Die persönlichen Ziele von Assange interessieren mich nicht. Ich habe auch kein Bedürfnis nach messianischen Lichtgestalten oder Moralapostel. Da halte ich mich lieber an Hannah Arendt. Sie schrieb: „Die Meinungsfreiheit ist eine Farce, wenn die Information über Tatsachen nicht garantiert ist.“ Und hier gibt es eben eine Zäsur: Technologisch sind die Hacker-Attacken nicht zu verhindern, egal, ob Assange im Knast landet oder einen Autounfall erleidet. Es wirkt die normative Kraft des Faktischen. Staaten, Machtpolitiker, Lobbyisten oder Konzerne müssen erkennen, dass sie keine absolute Kontrolle oder Befehlsgewalt mehr besitzen. Die Welt der Hacker entzieht sich dem disziplinarischen Regime der Möchtegern-Politiker.

Die Möglichkeitsräume beschreibt Kant: „Wenn wir den Befehl einer Autorität gegenüberstehen, sind es doch immer nur wir die auf unsere eigene Verantwortung hin entscheiden, ob dieser Befehl moralisch ist oder unmoralisch. Eine Autorität mag die Macht besitzen, ihre Befehle durchzusetzen, ohne dass wir ihr Widerstand leisten können; aber wenn es uns physisch möglich ist unsere Handlungsweise zu wählen, dann liegt die Verantwortung bei uns. Denn die Entscheidung liegt bei uns. Wir können dem Befehl gehorchen oder nicht gehorchen; wir können die Autorität anerkennen oder verwerfen.“

Oder dadaistisch interpretiert im Geiste von Walter Serner:
Tüchtig ist, wer nicht gegen die Gesetze sich vergeht. Tüchtiger, wer sich nicht auf sie verlässt. Am Tüchtigsten, wer immer wieder daran sich erinnert, dass nur staatliche Funktionäre sie ungestraft übertreten können – so etwas hätte auch Assange schreiben können.

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Nota.

So eine richtige ganz eigene Meinung habe ich zum Thema Wikileaks einstweilen noch nicht. Aber da es auf der offiziellen Seite an Zeter und Mordio nicht fehlt, ist es wohl meines Amtes, der inoffiziellen Seite ein wenig Platz einzuräumen.

J.E.

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