Agnotologie

Drei Affen

NZZ 24. 6. 09:

Nichtwissensgesellschaft

Studien zur gezielten Produktion von Ignoranz

Die Tabakindustrie stellt nicht nur Glimmstengel her. «Zweifel ist unser Produkt», heisst es in einem internen Memorandum der Brown & Williamson Tobacco Company von 1969. Die US-Tabakindustrie investierte seit Mitte der fünfziger Jahre grosse Summen in «Forschung», deren einziges Ziel es war, der Öffentlichkeit und dem Gesetzgeber weiszumachen, dass die gesund- heitsschädigenden Folgen des Rauchens noch nicht ausreichend belegt seien. Solange die Frage offen war, konnten weiter Zigaretten verkauft werden wie bisher. Die Tabakindustrie habe gezielt und erfolgreich «Nichtwissen» geschaffen, so Robert Proctor in der Einleitung zu «Agnotology: The Making and Unmaking of Ignorance», einem von ihm und Londa Schiebinger – beide sind Wissenschaftshistoriker an der Stanford University – herausgegebenen Sammelband. Diese Alibiforschung verzögerte Massnahmen gegen das Rauchen um Jahrzehnte – und machte Schule.

Klimadebatte

Naomi Oreskes und Erik Conway zeigen, dass es Mitte der achtziger Jahre einigen wenigen Physikern vom George C. Marshall Institute in Washington durch intensive Öffentlichkeitsarbeit gelang, den Eindruck zu erwecken, es gebe in puncto Klimawandel noch so etwas wie eine Debatte. Wider den überwältigenden Konsens der Klimaforscher behaupteten sie gebetsmühlenartig, es sei völlig ungesichert und umstritten, ob der Mensch für die steigenden Temperaturen verantwortlich sei, ergo brauche man noch mehr Forschung. Oreskes und Conway verweisen neben inhaltlichen auch auf personelle Kontinuitäten: Es waren zum Teil dieselben Akteure, die sich zuvor auch in den Dienst der Tabakindustrie gestellt hatten. Es ist wirklich erstaunlich, dass einige gut vernetzte Lobbyisten, obwohl sie meist fachfremd waren, es quasi mit der gesamten Scientific Community der Krebs- bzw. der Klimaforschung aufnehmen konnten.

David Michaels zeigt am Beispiel der Pharmaindustrie, wie diese Strategie des gezielten Zweifel-Säens längst zum täglichen Geschäft jener Wirtschaftszweige geworden ist, die riskante Produkte herstellen. Bezahlte Gegenforschung, das machen andere Beiträge dieses Bandes deutlich, ist freilich nur einer von vielen möglichen Gründen für das Entstehen von Nichtwissen. Proctor nennt Geheimhaltung, Dummheit, Apathie, Zensur, Desinformation, Glauben, Vergesslichkeit und sogar «tugendhaftes Nichtwissen», also die Haltung, etwa Prädispositionen für Krankheiten lieber nicht kennen zu wollen.

In vielen Fällen spiegelt das Nichtwissen die asymmetrischen Machtverhältnisse in den Feldern Kolonialismus, Rasse und Geschlecht wider. Adrienne Mayor zeigt, wie das erstaunliche Wissen der Indianer in Nord- und Südamerika über Fossilien von den weissen Paläontologen zwar insgeheim genutzt, den Indianern offiziell aber abgesprochen wurde. Mit der Frucht des Pfauenstrauchs kann man Abtreibungen auslösen. Londa Schiebinger fragt sich, warum dieses Wissen karibischer Frauen trotz einem buchstäblich blühenden botanischen Wissenstransfer nicht nach Europa gelangte. Nichtwissen sei meist mehr als das Fehlen von Wissen, es sei, so Schiebinger, «das Ergebnis kultureller Auseinandersetzungen». Charles Mills verweist in «White Ignorance» nicht nur darauf, dass das historische Gedächtnis der Farbigen in den USA lange unterdrückt wurde, sondern auch darauf, dass heutzutage die vermeintlich antirassistische Forderung nach Farbenblindheit ausblendet, dass Weisse und Farbige gerade nicht über dieselben Startchancen verfügen.

Fruchtbar und erhellend

Nicht alles in diesem Band ist neu und überraschend, aber der Fokus der Agnotologie ist doch überaus fruchtbar und erhellend. Um nicht zu einer Nichtwissensgesellschaft zu werden, müssen wir uns selbst über die Muster und Prozesse aufklären, die Ignoranz produzieren. Wir sind noch lange keine Sokratiker.

Oliver Hochadel

Robert Proctor und Londa Schiebinger (Hg.): Agnotology: The Making and Unmaking of Ignorance. Stanford University Press, 2008. 298 S., $ 24.95.

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