Der Tonträger und die mediale Revolution.

In der Musikindustrie herrscht Panik, der Fall Pirate Bay hat es ein weiteres Mal gezeigt : Steht die Tonträgerindustrie vor dem Kollaps? Zwei Jahrzehnte lang war sie dass Zugpferd des technologischen Fortschritts. Hier wurden die Milliarden erwirtschaftet, die der Entwicklung dem IT-Sektor den Markt bereiteten. Doch seit Einführung des MP3-Formats ist die CD, die seinerzeit die Vinylplatte ersetzte und die Neuausstattung aller Plattenregale der Erde nötig machte, ein Auslaufmodell. Ein Musikstück, das einmal den Weg ins Internet gefunden hat, ist bald so gut wie nichts mehr „wert“ – zu Marktpreisen nämlich.

Der erste originäre Beitrag des Vereinten Deutschland zur Weltkultur, die Rockband Tokio Hotel, ist womöglich auch in dieser Hinsicht ein Zeitzeichen: Als sie erstmals in die USA kam, hatte sie dort, noch bevor eine einzige Platte über den Ladentisch gegangen war, dank YouTube schon ihre kleine Fangemeinde. Bescheiden geblieben und noch immer über den eigenen Erfolg staunend, waren sich die Jungens nicht zu fein, wie in ihren Anfängen als Kinderband auch in winzigen Schuppen aufzutreten – und schlugen durch. Ihre erste regelrechte Tournee durch die Staaten wurde nun zum Triumphzug. Aber ein Durchbruch auf dem Plattenmarkt wurde es nicht. Statt der anvisierten halben Million wurden gerademal 100 000 Stück verkauft.

Zeitzeichen

Wieso ein Zeitzeichen? Anlässlich der diesjährigen Popkomm unken die Feuilletons der gehobenen Blätter, bald sei es wieder so weit, dass die Künstler – wie vor der Erfindung des Grammophons – ausschließlich leibhaftig vor einem leibhaftigen Publikum live auftreten würde; die Aufnahmestudios und ihre horrenden Kosten meidend wie einen verlausten Köter. (Und die Auguren wollen wissen, dass Michael Jacksons immer und immer wieder verschobenes Comeback an eben dieser Klippe klemmt).

Das ist nicht bloß ein Branchenproblem: das Urheberrecht für musikalische Kompositionen. Erstens, weil es die Kunst insgesamt betrifft und ihren kulturellen Rang im Zeitalter ihrer digitalen Reproduzierbarkeit. Aber zweitens und vor allem andern, weil es die Arbeit und den „Wert“ ihrer Produkte in eine völlig neue Perspektive rückt. Tua res agitur, schrieb Karl Marx

den kontinentalen Europäern, als er ihnen die Anatomie des englischen Industriekapitalismus vor Augen führte. Tua res agitur, sollten sich die Industrieführer der Welt denken, wenn sie auf den Schallplattenmarkt blicken. Und wenn schon nicht sie, dann wenigsten die Politiker und die ‚Politische Ökonomie’: Sonst steht morgen das industrielle Kapital wie der Ochs vorm Tor wie dieser Tage die Finanzwelt. Gegen das, was da auf sie zu kommt, war die IT-Blase zu Anfang des Jahrtausends ein Bagatellchen.

Heute nur soviel: Was sich vor unsern Augen abspielt, ist das Ende der Arbeitsgesellschaft. Ihr Motor war die Arbeitsteilung. Deren Höhepunkt war die Große Industrie, wie sich im 19. Jahrhundert ausgebildet hat. Was immer am Arbeitsprozess wiederholbar ist, lässt sich mechanisieren und in die Maschinen als deren ‚Fertigkeit’ selbst einbauen. Es ist lediglich eine Frage der Technologie – und ob der gesellschaftliche Rahmen geeignet ist, ihre Folgen zu verkraften. Und irgendwann ist es soweit, dass der gesamte physische Anteil an der produktiven Arbeit vom Material, vom ‚fixen Kapital’ selbst erledigt wird. Bliebe den lebendigen Menschen allein der intellektuelle Anteil zu erledigen…

Höhepunkt und Ende der Arbeitsteilung

Kybernetik, IT und Automation – seine Erfüllung findet der Prozess der technologischen Arbeitsteilung in den computergesteuerten Werkstätten der Gegenwart. Hier ist nun auch ein Teil, nämlich der kombinatorische Anteil der lebendigen Intelligenz als ‘Programm’ kodiert worden und auf die Maschinen selbst übergegangen. Als Spezifikum der wirklichen lebendigen Arbeit, das schlechterdings nicht digitalisiert und kybernetisiert werden kann, ist am Ende des Prozesses der inventive, konzipierende Anteil der Intelligenz übrig geblieben: das lebendige Einbildungs- und Urteilsvermögen.

Ressourcen, die durch Arbeit vermehrt werden können, sind an sich nun nicht mehr knapp. Es wird keinen Grund mehr geben, sie zu messenum sie dann erst verteilen zu können. Virtuell sind die Bedürfnisse befriedigt, “produktionell” herrscht Überfluss. Wo Mangel aktuell noch immer auftritt, ist er kein ökonomisches, sondern lediglich ein Verteilungsproblem, das “nur noch” politisch gelöst werden muss. Und umgekehrt werden zusehends solche Ressourcen knapp, die durch Arbeit nicht vermehrt werden können und ipso facto keinen Tauschwert haben. Deren Verteilung auf die Bedürfnisse ist von Anfang an keine ökonomische, sondern “nur” eine politischen Aufgabe.

Lebendige Arbeit bleibt übrig als schiere Intelligenz: Einbildungs- und Urteilsvermögen. Deren Betätigung bezeichnen wir mit dem aktivischen Zeitwort wissen. Insofern ist die Feuilletonrede vom “Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft” treffender als ihre Kolporteure denken. Freilich, nicht die Datei – nicht die Daten und schon gar nicht deren Gespeichertsein – macht Wissen aus, sondern die Generierung von Wissbarem; denn die Kombinatorik besorgt die Maschine. (Ein Bildungssystem, das das Arbeitsvermögen zu einem Analogon der Datenverarbeitungsmaschine ausbilden will, die es soeben verdrängt hat, ist der Nachhall des vergangenen Industriezeitalters und kein Auftakt zur ‘Wissensgesellschaft’.) Ein so auf seinen ‘einfachsten Ausdruck’ zurückgeführtes Arbeitsvermögen ist nun nicht mehr regelmäßig getrennt von den Bedingungen seiner Ausübung. Es reicht ein Internetanschluss, mag man überspitzt sagen.

Intelligenz hat keinen Tauschwert

Aber Intelligenz hat keinen Tauschwert. Weil einbilden und urteilen nur actu geschieht und als solches nicht wiederholbar ist, wird er Philosoph sagen. Doch die Erzeugnisse von Einbildung und Urteil kann man sehr wohl wiederholen, sogar hersagen, ohne sie zu verstehen. Und gerade darum hat Intelligenz keinen Tauschwert: “Das Produkt der geistigen Arbeit steht immer tief unter ihrem Wert. Weil die Arbeitszeit, die nötig ist, um sie zu reproduzieren, in gar keinem Verhältnis steht zu der Arbeitszeit, die zu ihrer Originalproduktion erforderlich ist. Z.B. den binomischen Lehrsatz kann ein Schuljunge in einer Stunde lernen” – sagt Marx.

Denn der Tauschwert ist keine sachliche Eigenschaft des Produkts, sondern eine durch den gesellschaftlichen Verkehr ihm zugerechnete Größe; nicht die Arbeit, die gestern zu seiner Herstellung wirklich aufgewendet wurde, sondern die Arbeit, die heute notwendig wäre, um es wieder herzustellen. Die Ausbildung – oder sagen wir besser: die Bildung einer solchen Intelligenz mag viele lange Jahre dauern und ein Vermögen kosten. Aber ihre Produktionen sind so gut wie gar nichts ‘wert’, weil schon morgen sie die Spatzen von den Dächern pfeifen. Wo soll da ein ‘Mehr’-Wert herkommen? Selbst in seinem innersten Kern, dem Doppelcharakter der Arbeit, hat sich so das Wertgesetz von selbst erledigt.

Wir wissen, welche Welt zu Ende geht. Wir wissen nicht, welche Welt entsteht. Es nützt nichts, aus dem Kaffeesatz zu lesen, welcher Parameter uns morgen ‘Maß und Substanz’ der Werte liefern kann, wenn es denn die Arbeit nicht mehr tut. Man muss sich – vielleicht noch nicht wir, aber die zwei, drei Generationen nach uns – auf eine Welt einstellen, in der die Sachen nichts mehr ‘wert’ , oder wo nicht mehr die Sachen etwas ‘wert’ sind. Das wäre keine andere Art des Wirtschaftens, sondern es wäre kein Wirtschaften mehr. Kein Ermitteln von Durchschnittsgrößen in blinden, selbstgesteuerten ‘Prozessen ohne Subjekt’, sondern Einbilden und Urteilen, wann und wo sich’s ergibt. Keine ökonomische, sondern eine politische Gesellschaft.

PopAct und Avantgarde

Noch sind Fragen des geistigen Eigentums erst in der Popmusik wirtschaftlich akut. Dort schützt das Urheberrecht lediglich die Melodie, jenes einzig ‘diskursive’ Element der Musik, das sich digital objektivieren lässt. Darüber hinaus reduziert es sich seit dem kommerziellen Niedergang der Datenträger auf den ewig prekären Kopierschutz. Rhythmik, Klangmischung, Harmoniefolgen, Stil – also alles, was den sound und mithin das Allereigenste eines pop acts ausmacht – lassen sich nicht schützen, weil sie sich nicht vereindeutigen und hinreichend bezeichnen lassen. Und ist es eine Utopie, dass schließlich noch die Stimmen der Sänger gesampelt und digital nachgeahmt werden? Von “Austausch” wird man in dieser Branche schon kaum noch reden können. Aber sie ist nur die Tête der technologischen Entwicklung. Zugleich bleibt die ungebremste Exuberanz der Unterhaltungsindustrie selber der sichtbarste Indikator für das Veralten der Arbeitsgesellschaft.[i]

Die IT-Revolution hat durch das Internet bei der Entfaltung der Produktivkräfte dieselbe Dimension wie einst die industrielle Revolution nach der Erfindung der Dampfmaschine. Brachte jene die Vollendung der Arbeitsgesellschaft, so bringt diese ihre Auflösung. Wenn die Popkünstler wirklich nur noch live performen können, „ist eine Figur des Lebens alt geworden“. Dann wird es höchste Zeit, dass die Eule der Minerva wieder fliegt…


[i] siehe hierzu J. Ebmeier, Michael Jackson – das Phänomen, Mainz 1999

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