Das neue Schwärmen fürs Kollektive

Berfinkenschwarm

aus: NZZ, 13. 11. 09

Die Rede von der «Schwarmintelligenz» als Ideologie unserer Zeit

Sind Kollektive, wie wenig klug oder erfindungsreich ihre Mitglieder für sich genommen auch sein mögen, im Ganzen doch intelligenter und schöpferischer als jedes noch so grossartige Individuum? Das Internet forciert diese Vorstellung, und das hat Folgen für unsere Wertbegriffe.

Von Joachim Güntner

Mit Geniebegriff und Geniekult kann man heute im Ernst niemandem mehr kommen. Programm und Feier des schöpferischen Individuums hatten ihre hohe Zeit im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Doch nicht nur, dass jenes Pathos verblasste. Es ist, als falle unsere Gegenwart ins andere Extrem, wie die Rede von der «Schwarmintelligenz» anzeigt. Der kreative Einzelne erfährt darin einen ungeahnten Wertverlust. Die Weisheit der vielen, so besagt diese Rede, übertrifft die eines singulären grossen Geistes.

Gern wird in diesem Zusammenhang Francis Galton zitiert, der einst einer Viehauktion beiwohnte, an der die Teilnehmer das Schlachtgewicht eines Rindes schätzen mussten. Die einzelnen Schätzungen lagen alle weit daneben, als aber aus ihrer Gesamtheit der Durchschnittswert ermittelt wurde, traf dieser das Gewicht nahezu exakt. Die Gruppe als solche, so folgerte daraus der amerikanische Journalist James Surowiecki in seinem 2005 erschienenen Buch «The Wisdom of Crowds», erweise sich mithin als klüger denn Einzelpersonen.

Kollektive ohne Zentrum

Eine «Schwarmintelligenz» zu konzipieren, birgt mehrere Pointen. Eine davon ist, dass die Mitglieder des Schwarms jedes für sich genommen nicht besonders helle sein müssen, jedoch ihr Miteinander Effekte höherer Ordnung zeitigt: Das kann eine Weisheit des Handelns sein, die sich zum Beispiel durch den Erfolg einer kollektiven Nahrungssuche erweist, ebenso aber ein kognitiver Triumph wie jener, von dem Galton berichtete. Die Intelligenz der Gruppe wäre also etwas, was nicht von vornherein da ist, sondern sich im Zusammenspiel herausbildet, «auftaucht». Sie hat auch keinen spezifischen Sitz. Dass Schwärme «Kollektive ohne Zentrum» sind, hält ein neuer, von Eva Horn und Lucas Marco Gisi herausgegebener Sammelband zum Thema bereits im Titel fest (Transcript-Verlag). Anders als ein Rudel hat ein Schwarm kein Leittier. «Die Logik des Schwarms ist eine Logik der Selbstorganisation und der Selbststeuerung», schreibt Eva Horn.

Das mag stimmen. Ob damit allerdings ein Modell vorliegt, anhand dessen sich gleichermassen «Fischschwärme, Insektenvölker, Computerprogramme, Menschenmengen, Konsumentenverhalten, Logistiksystem oder Finanzströme» beschreiben lassen, darf als fraglich gelten. Vielleicht haben wir es auch bloss mit einer überreizten Metaphorik zu tun. Ihre Begrifflichkeit stammt aus der Biologie, und nun sollen die dort erkannten Muster des «Schwärmens» auf soziale und ökonomische Prozesse oder gar auf wissenschaftliche und künstlerische Leistungen bezogen werden. Diese Übertragungen setzen ein hohes Mass an Abstraktion und Formalisierung voraus.

Als Musterbeispiel für Schwarmintelligenz im Reich des Menschlichen gilt die Internet-Enzyklopädie Wikipedia. Jeder kann dort im Prinzip mitarbeiten, und jeder einmal angelegte Artikel steht der weiteren Bearbeitung durch andere Autoren offen. Da die Mitarbeiter nicht als Gruppe werkeln, sondern verstreut irgendwo vor ihren Computern sitzen, hat man Schwierigkeiten, sie sich als Schwarm vorzustellen. Eher handelt es sich wohl um ein Netzwerk.

Doch auf die letzte Stimmigkeit des Konzepts, das ins weite Gebiet der Systemtheorie fällt, soll es uns nicht ankommen. Intellektuell reizvoll ist der Schwarm-Gedanke als Versuch, ein Kollektiv, das keine feste Gestalt besitzt, in seiner Dynamik begrifflich zu erfassen. Und ideologisch bedeutsam ist die Rede von «Schwarmintelligenz», weil sie den Einzelnen in seiner Potenz herabsetzt. Geistes- und Schöpferkraft sind demokratisiert. Das zerstört die alten, emphatischen Vorstellungen von Autorschaft und Urheberschaft. Wikipedia bringt das in seinen Teilnahmebedingungen klar zum Ausdruck. Wer sich dem «Wiki-Prinzip» unterwirft, nimmt hin, dass von ihm begonnene Texte durch Dritte korrigiert und weiterentwickelt werden. «Wer nicht möchte, dass seine Inhalte beliebig modifiziert werden können, sollte bei Wikipedia nicht mitarbeiten», heisst es da. Als Urheber ein geistiges Eigentum an einem Artikel zu besitzen, ist ausgeschlossen.

Wohl nicht zufällig sind die theoretischen Überlegungen zur Schwarmintelligenz erst aufgekommen, seit es das Internet gibt. Sie wirken wie eine Begleitmusik. Zumal im Streit um Urheberrechte und Copyrights, der grosse Teile der kulturpolitischen Diskussion über das Netz bestimmt, kann man diesen Eindruck gewinnen. Sind Werke bloss noch als Schöpfungen von Schwarmintelligenzen zu begreifen, entfallen alle Legitimationsprobleme, die das klassische Urheberrecht den Raubkopierern noch bereitet. Ansprüche auf «Werkherrschaft», wie sie etwa die Initiatoren des «Heidelberger Appells» (NZZ 2. 5. 09) für Texte erheben, wären zu begraben.

Idealiter meint Werkherrschaft, dass allein der Autor über Gestalt und Publikation seiner Arbeit bestimmt. Kein Eingriff ins Werk ohne seine Zustimmung. Ginge es nach den besonders strengen Vertretern dieser Vorstellung, so hätte ein Urheber selbst dann noch ein Wörtchen mitzureden, wenn es etwa darum ginge, an welcher Stelle in einem Sammelband sein Beitrag zu stehen kommt. Wurde womöglich sein Text unmittelbar neben dem eines wenig geschätzten Konkurrenten placiert? Es versteht sich, dass, wenn bereits solche Feinheiten den orthodoxen Kämpfer für Werkherrschaft stören, ihn die freie Verwurstung von Texten im Internet auf irgendwelchen Plattformen umso mehr grausen muss. Für die Schwarm-Intelligenzia hingegen erübrigt sich alle Aufregung.

Es greift sicherlich zu kurz, die Systemtheorie des «Schwarms» nur als Derivat der Internetbegeisterung und der Destruktion des Urheberrechts zu fassen. Es steckt ja auch ein politologischer Beitrag darin. Wie zum Beispiel soll man neue Formen von Menschenauflauf oder von Protest erklären, wie sie die Demonstranten an G-8-Gipfeln vorführen? Wenn sich sogenannte Smart Mobs via SMS zusammenfinden, dann hat das erkennbar wenig mit einer in althergebrachter Weise von Parteien oder Gewerkschaften organisierten Masse zu tun. Wären solche Phänomene nicht als Schwärme tatsächlich besser beschrieben? Dem Schwarm fehlen die evidente Hierarchie und die feste Ordnung. Aber er zeigt koordinierte Bewegung und passt insofern vielleicht ja recht gut zur Mischung aus Individualismus und Konformität, die modernen Zusammenrottungen eignet.

Archaik und Moderne

Die Frage nach der Tauglichkeit des biologischen Konzepts «Schwarm» für soziale, ökonomische oder kulturelle Verhältnisse ist eines. Man kann sie unbeantwortet lassen, und es bleibt einem doch noch immer der Blick von aussen: der Blick auf Schwarm-Theorien als Symptom der Zeit. Was kommt in ihnen zum Ausdruck, zu welchen Vorstellungen stehen sie quer, welche Anschauungen werden durch sie liquidiert?

Wie Freuds Aufwertung des Unbewussten unsere Vorstellung von einem souveränen Ich kränkte, so nagt die Ausrufung von Schwarmintelligenz am Ideal des kulturell schöpferischen Solisten. Jenes Postulat verträgt sich weder mit dem Humboldtschen Ideal eines wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns «in Einsamkeit und Freiheit» noch mit dem von grosser künstlerischer Inspiration und Meisterschaft. George Steiner hat, nachzulesen in dem von alteuropäischem Geist durchwehten Band «Die Logokraten» (Hanser-Verlag, 2009), einmal das Internet als Mischung aus Archaik und Ultramoderne bezeichnet: «Das Bild, das ich vor mir habe», räsoniert er in einem Gespräch, «ist das des antiken Chors, und wir wissen, dass sich unser Theater, unsere Literatur und unsere Dichtung ganz langsam von der Mündlichkeit des Chors befreit haben, dass sich erst nach Jahrtausenden der Kollektivität eine Stimme losgelöst hat . . .» – Kassiert nun das Internet diese Individuierung? Kann es auch ein Medium für neue Solisten in Kunst und Wissenschaft sein – oder ist es, was das grosse schöpferische Individuum betrifft, allenfalls ein Archiv für dessen glanzvolle Vergangenheit?

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