Digitaler Klatsch.

aus: NZZ, 23. 12. 09

Wir Waschweiber Christian Schuldt verfolgt die Geschichte des Klatsches bis ins Web 2.0

Oliver Pfohlmann · Primaten kraulen, Menschen klatschen. So lautet, kurz gefasst, die biologische «Erklärung» für eines der schillerndsten sozialen Phänomene. Denn so, wie die gegenseitige Fellpflege eine Affenhorde zusammenschweisst, sorgt beim Homo sapiens der verbale Austausch intimer Informationen, vorzugsweise über abwesende Dritte, für Zusammenhalt – behauptet Christian Schuldt. Schuldts lesenswertes Büchlein ist vor allem ein Lob des Tratschens. Als «Motor der menschlichen Evolution» treibe der diskrete zwischenmenschliche Flow von Informationen die soziale und kulturelle Entwicklung voran – man denke nur an Börse oder Wissenschaft. Im Kleinen könne man den Segen des Klatsches bei jedem Jobwechsel erleben: Wer sich rechtzeitig in den «Flurfunk» der Kollegen einklinkt, erfährt nicht nur, welchen Fettnäpfchen es im Umgang mit dem Chef auszuweichen gilt, sondern auch, welcher Kollege noch oder wieder Single ist oder wo gerade eine Wohnung frei wird.

Zunehmende Unschärfe

Tratschen, davon ist Christian Schuldt überzeugt, steigert Intelligenz und Produktivität. Unternehmen, in denen viel getratscht wird, zeichneten sich durch stärkeren Teamgeist aus. Nicht anders in der Ehe: Paare, die gern klatschen, blieben länger zusammen, weil sie sich im Gequatsche über andere ihrer Gemeinsamkeiten versichern und so bestätigen, anders als der Rest der Welt zu sein. Wahrscheinlich helfe der gesellschaftliche Klatsch am Ende sogar, dem Klimawandel zu begegnen, schwärmt Schuldt in seinem Schlusswort. Dem Klimawandel? Man muss den Autor entschuldigen. Hier spricht nicht nur ein studierter Literaturwissenschafter und Soziologe, sondern auch ein Online-Redakteur der «Bunten». Und der hat die Spötteleien aus dem Verwandten- und Freundeskreis gründlich satt – denen meist ohnehin verschämte Fragen nach Neuigkeiten über Angelina Jolie und Co. folgen, so Schuldt. Die Begeisterung für das Thema – oder vielleicht auch nur der Zwang, zweihundert Seiten zu füllen – führt allerdings zu einem Problem des Buches: die zunehmende Unschärfe seines Gegenstands. Schuldt ist alles Klatsch: der Austausch von Forschungsergebnissen, ein Netzwerk wie Opus Dei oder die Zusammenarbeit an dem «offenen» Betriebssystem Linux. Wäre «Klatsch» also identisch mit «Kommunikation» oder «Sozialität»?

Plausibler erscheint es, im Klatsch den «sozialen Klebstoff» zu sehen, der die Gesellschaft zusammenhält – weil er Menschen verbindet, indem er sie zu Mitwissern und Komplizen macht. «Das geteilte Klatschgeheimnis wirkt [. . .] wie ein Bestechungsdelikt mit zwei Tätern: dem, der besticht, und dem, der sich bestechen lässt. Jeder Klatschproduzent testet deshalb im Vorfeld einer Klatschaktion zunächst die Bestechlichkeitsbereitschaft des potenziellen Klatschkonsumenten.» Und er gewinnt, indem er andere in Geheimnisse einweiht, die diesen im Konkurrenzkampf womöglich nützlich sind, an Ansehen.

Wer verhindern will, dass über ihn oder sie selbst geklatscht wird, kann nur eines tun: mitklatschen. Oder sich Alkibiades zum Vorbild nehmen: Der hieb einst seinem Hund den Schwanz ab, damit die Athener über den Hund schwatzten statt über sein Herrchen. Kenntnisreich verfolgt Schuldt die Geschichte des Tratschens von der Antike, die sogar eine eigene Klatschgöttin, Pheme bzw. Fama, kannte, bis ins Web 2.0, in dem mehr getratscht wird als je zuvor in der Geschichte. Wichtige Stationen auf dem Weg dorthin waren: der mittelalterliche Waschplatz, wo die Frauen die sprichwörtliche schmutzige Wäsche ihrer abwesenden Männer wuschen («Klatsch» kommt von «klatz», Knall – dem Geräusch der auf dem Stein aufschlagenden Wäsche) und aufpassen mussten, für ihre Schwätzerei nicht an den Pranger gestellt zu werden, und das von den Männern dominierte Kaffeehaus, wo die ausgetauschten Neuigkeiten bald in ersten Zeitungen gesammelt wurden.

Elektronisch entblättert

Im 20. Jahrhundert sorgte das sich entfaltende Mediensystem für die massenhafte Verbreitung von Tratsch. Intime Details über das Privatleben der Reichen und Schönen, präsentiert von «Klatschreportern» und «Paparazzi» in «People-Magazinen», dienen als Ersatz für die zunehmend brüchiger gewordenen sozialen Beziehungen, so Schuldt. Inzwischen hat der Klatsch mit «Leserreportern», Promi-Blogs und sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter eine neue Evolutionsstufe erreicht. Bedenkenlos machen wir im Vertrauen auf die Anonymität des Netzes das Private öffentlich, kompensieren wir unsere reale soziale Isolation durch tabufreie Dauerkommunikation nach dem Motto: «Ich verrate dir intime Details, dafür schenkst du mir Aufmerksamkeit.» So gesehen, wären wir längst alle Waschweiber.

Christian Schuldt: Klatsch! Vom Geschwätz im Dorf zum Gezwitscher im Netz. Insel, Frankfurt am Main 2009. 200 S., Fr. 31.50.


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