„Ich bin mir über gar nichts mehr sicher“

aus: FAZ.NET, 8. 1. 2010

Von Kevin Kelly

Kevin KellyBekanntlich verändern die Technologien, die wir verwenden, die Arbeitsweise unseres Gehirns. Psychologen und Hirnforscher haben experimentell nachgewiesen, dass sich die Gehirnorganisation von schreib- und lesekundigen Menschen und Analphabeten nicht nur hinsichtlich der Sprachverarbeitung, sondern auch bezüglich visueller Wahrnehmung, logischem Schließen, Gedächtnis- strategien und formal-operationalem Denken unterscheiden. Wenn die Kenntnis des Alphabets unsere Denkweise verändern kann, lässt sich erahnen, wie eine entsprechende Kenntnis des Internet und täglich zehn vor Bildschirmen zugebrachte Stunden unser Gehirn beeinflussen. Die erste bildschirmkundig aufgewachsene Generation wird gerade erst erwachsen, sodass wissenschaftliche Untersuchungen über die vollen Auswirkungen dieser Vorgänge es allgegenwärtigen Verbundenseins noch ausstehen. Aber ausgehend von meinem eigenen Verhalten möchte ich ein paar Vermutungen anstellen.

Schon lange versuche ich nicht mehr, mir Fakten zu merken oder auch nur, wo ich sie herhabe. Ich habe gelernt, wie ich im Internet an sie herankomme. Mein Wissen ist damit prekärer geworden. Für jedes allgemein akzeptierte Partikel Wissen, das ich finde, ist sofort jemand zur Hand, der es in Abrede stellt. Jede Tatsache hat eine Gegentatsache. Die extreme Verlinkung des Internet macht die Gegentatsachen genauso sichtbar wie die Tatsachen. Manche Antitatsachen sind unsinnig, manche grenzwertig und manche stichhaltig. Kein Experte kann sie für uns auseinandersortieren, weil es für jeden Experten einen gleichwertigen Gegenexperten gibt.

Somit unterliegt alles, was ich lerne, der Erosion durch diese allgegenwärtigen Antifaktoren.

Ich bin mir zunehmend über gar nichts mehr sicher. Statt von anderswo Autorität zu beziehen, bin ich gezwungen, mir meine eigene Gewissheit zu schaffen, und zwar in Bezug auf alles, womit ich in Berührung komme, also inklusive solcher Felder, auf denen ich nicht über die geringsten eigenen Kenntnisse verfüge. Im Großen und Ganzen gehe ich also immer stärker davon aus, dass das, was ich weiß, gar nicht stimmt. Mag das eine ideale Einstellung für einen Wissenschaftler sein, so impliziert es zugleich eine steigende Wahrscheinlichkeit dafür, dass ich meine Meinung aus den falschen Gründen ändere. Derartig von Ungewissheit umschlossen zu sein, ist eine der Weisen, wie sich mein Denken verändert hat.

Ungewissheit ist wie eine Flüssigkeit. Mein Denken scheint mir flüssiger geworden, es gleicht eher dem Text in Wikipedia als dem im Buch. Ich ändere häufiger meine Meinung. Meine Interessen sind kurzlebiger. Ich bin weniger an der Wahrheit als an Wahrheiten interessiert. Meinem Gefühl nach spielt das Subjektive eine wichtige Rolle dabei, das Objektive von vielen Datenpunkten aus zusammenzusetzen. Sich wie eine unvollkommene Wissenschaft stufenweise um Fortschritte zu bemühen, scheint mir der einzige Weg zu sein, überhaupt etwas zu wissen.

Während ich in das Netzwerk der Netzwerke eingeklinkt bin, empfinde ich mich selbst als ein Netzwerk, das versucht, aus unzuverlässigen Teilen Verlässlichkeit zu gewinnen. Und in meinem Streben, Wahrheiten aus Halbwahrheiten, Unwahrheiten und frei flottierenden Wahrheiten zusammenzusetzen, fühlt sich mein Geist von flüssigen Formen des Denkens und flüssigen Medien wie Mashups (Neukombinationen bestehender Medieninhalte), Twitter und Suchprogrammen angezogen.

Jemand, der mein Surfverhalten in diesem glitschigen Netz der Ideen beobachtete, bekäme einen Tagtraum zu sehen. Der tranceartige Zustand, in den wir verfallen, wenn wir dem ungerichteten Pfad der Links folgen, mag reine Zeitverschwendung sein oder, wie beim Träumen, produktive Zeitverschwendung. Vielleicht zapfen wir das kollektive Unbewusste auf eine Weise an, wie wir es nicht vermochten, als wir dem gerichteten Strahl von Radio, Fernsehen und Zeitung folgten. Vielleicht können wir als Klickträumer alle den gleichen Traum träumen, ganz unabhängig davon, was wir anklicken.

Der Wachtraum, den wir Internet nennen, lässt auch die Grenzen zwischen meinen ernsthaften und meinen spielerischen Gedanken verschwimmen: Ich kann online nicht mehr unterscheiden, wann ich arbeite und wann ich spiele. Für manchen markiert die Auflösung dieser beiden Bereiche genau das, was mit dem Internet nicht stimmt: Es ist eine teure Zeitverschwendung und bringt lauter Belanglosigkeiten hervor. Ich jedoch schätze eine ordentliche Zeitverschwendung als notwendige Voraussetzung von Kreativität. Wichtiger noch: Ich halte die Verschmelzung von Arbeit und Spiel, von strengem und spielerischem Denken, für eine der großartigsten Errungenschaften des Internet.

Tatsächlich wird die Tendenz des Netzes, unsere Aufmerksamkeit zu schwächen, überschätzt. Im Gegenteil stelle ich fest, dass immer kleinere Informationshäppchen meinem verbildeten Geist volle Konzentration abverlangen können. Und nicht nur mir geht das so; alle berichten davon, wie sie der Verlockung schneller, winziger informativer Unterbrechungen erliegen. Als Reaktion auf dieses unaufhörliche Trommelfeuer von Bits hat die Internetkultur eifrig umfangreichere Werke in kleine verkäufliche Schnipsel zerlegt. Musikalben werden liedweise verkauft, Filme zu Trailern zerhackstückt und Zeitungen zu Tweets. Ich schwimme glücklich in diesem anschwellenden Ozean von Fragmenten.

Auch die Jagd nach solchen Leckerbissen im Netz und das Surfen in seinem glänzenden Traum haben meine Denkgewohnheiten verändert. Mein Denken ist aktiver geworden, weniger kontemplativ. Statt auf eine Frage oder Intuition zunächst ziellos in meiner eigenen Unwissenheit herumzustochern, fange ich gleich damit an, etwas zu tun. Sofort, unverzüglich lege ich los.

Ich lege los und schaue, suche, frage, hinterfrage, reagiere auf Daten, stürze mich hinein, hinterlasse Notizen, Lesezeichen, eine Spur, einen ersten Ansatz, mir etwas anzueignen. Ich reagiere heute auf Ideen, bevor ich über sie nachdenke. Die Entstehung von Blogs und Wikipedia geht genau auf diesen Impuls zurück: erst zu handeln (zu schreiben) und später nachzudenken (zu filtern). Vor meinem geistigen Auge sehe ich hunderte Millionen Menschen, die in diesem Augenblick online sind. Mir scheinen sie durchaus nicht ihre Zeit mit unsinnigen assoziativen Links zu vergeuden, sondern sich einer produktiveren Form von Denken zu befleißigen, als es die entsprechenden hunderte Millionen Menschen vor fünfzig Jahren taten.

Zwar fördert diese Herangehensweise Stückwerk, überraschenderweise erlaubt sie uns aber zugleich, Werken größere Aufmerksamkeit zu widmen, die wesentlich komplexer, umfangreicher und komplizierter sind als jemals zuvor. Diese neuen Schöpfungen enthalten mehr Daten, erfordern mehr Aufmerksamkeit und werden umso erfolgreicher, je weiter das Internet wächst. Diese parallele Entwicklung ist nur deshalb nicht auf den ersten Blick zu sehen, weil eine verbreitete kurzsichtige Formel das Internet auf Texte reduziert.

In einer ersten Annäherung besteht das Internet aus Wörtern auf einem Bildschirm – Google, Aufsätze, Blogs. Dieser erste Eindruck übersieht freilich den so viel größeren Unterleib des Netzes – Bewegtbilder auf einem Bildschirm. Nicht nur junge Leute suchen nicht als erstes nach Büchern und Texten, sondern nach YouTube, Spielen, Videos. Neue visuelle Medien strömen in Scharen ins Netz. Hier liegt der Fokus des Interesses. Aufgrund der Onlinepräsenz von Filmfans, der Streaming-on-Demand-Technologie und all den anderen flüssigen Möglichkeiten des Internet haben Regisseure begonnen, Filme von über hundert Stunden Länge zu schaffen. Ausgedehnte Epen wie „Lost“ und „The Wire“ verfügen über mehrere miteinander verwobene Handlungsstränge, Figuren, die in verschiedenen Handlungssträngen auftauchen, sowie tiefschichtige Charaktere, und sie setzen ein Maß an Aufmerksamkeit voraus, von dem herkömmliche Filme nur träumen konnten. Auch die Komplexität und Schwierigkeit von Computerspielen kann mit diesen Marathonfilmen oder jedem großen Buch mithalten. Meine Aufmerksamkeit jedenfalls hat nicht gelitten, im Gegenteil.

Die wichtigste Hinsicht jedoch, in der das Internet den Fokus meiner Aufmerksamkeit verändert hat, besteht darin, dass es zu einem Ganzen geworden ist. Es sieht nur so aus, als würde ich endlose Nanosekunden mit einer Serie von Tweets verbringen, endlose Mikrosekunden zwischen verschiedenen Webseiten surfen oder mich lediglich für ein paar schlappe Minuten von einem Buchauszug zum nächsten treiben lassen. In Wirklichkeit widme ich meine Aufmerksamkeit zehn Stunden am Tag dem Internet, und das praktisch uneingeschränkt. Wie Sie übrigens auch.

Wir führen ein intensives und ununterbrochenes Gespräch mit diesem Riesending. Der Umstand, dass es sich aus Millionen nur lose miteinander verbundener Einzelteile zusammensetzt, täuscht. Die Programmierer von Websites, die Horden von Online-Kommentatoren und die Hollywood-Mogule, die uns widerwillig ihre Filme im Netz anschauen lassen, glauben nicht, dass sie bloß Pixel in einer großen globalen Show sind, aber sie sind es. Es ist zu einem einzigen Ding geworden, einem Gesamtmedium / Intermedium / Zwischenmedium, auf das zwei Milliarden Bildschirme starren. Das ganze Bündel an Verbindungen mit all seinen Büchern, Seiten, Tweets, Filmen, Spielen, Foren, Newsgroups, Streams gleicht einem gewaltigen globalen Buch (oder Film oder …). Wir beginnen gerade erst zu lernen, wie man es liest. Zu wissen, dass dieses riesige Ding existiert und dass ich permanent mit ihm im Gespräch bin, hat mein Denken verändert.

Kevin Kelly ist Editor-at-Large des Magazins „Wired“. Sein Buch „Out of Control. The New Biology of Machines, Social Systems, and the Economic World“ war die Grundlage des Films „Matrix“. Zurzeit entsteht sein neuestes Buch mit dem Titel „The Technium“ als work in progress auf seiner Website http://www.kk.org

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