„Im Spiegel des Netzes“

aus: FAZ.NET, 8. 1.2010

Von John Markoff

John Markoff Dreißig Jahre ist es her, dass Les Earnest, seinerzeit stellvertretender Direktor des Labors für Künstliche Intelligenz der Stanford University, mich in das ARPAnet, einen Vorläufer des heutigen Internet, einführte. Wir schrieben das Jahr 1979. Von seinem Haus in den Hügeln über dem Silicon Valley aus war er über ein Terminal und ein 2400-Baud-Modem mit Human Nets verbunden, einer quicklebendigen virtuellen Gemeinschaft, die den Einfluss neuer Technologien auf die Gesellschaft untersuchte.

An diesem Tag öffnete sich für mich ein Fenster auf eine unbändige Cyberwelt, die mir auf den ersten Blick als eine „sokratische Heimstätte“ erschien, um mit den Worten John Chownings, eines Komponisten und Pioniers der Computermusik zu sprechen. Für die nächsten anderthalb Jahrzehnte schloss ich mich dem Lager der „Internet-Utopisten“ an, wie ich sie mittlerweile nenne. Das Netz erschien mir als jene strahlende Stadt-auf-einem-Berge, die uns vom Schmutz und der Verdorbenheit der fleischlichen Welt befreien würde.

Der dystopische Charakter des Netzes

Zum Fackelträger dieser Ideologie wurde das Magazin „Wired“. Seinen Gipfelpunkt erreichte das Ideal wahrscheinlich mit John Perry Barlows „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“ von 1996. Ich Dummkopf hätte es besser wissen können. Bücher wie John Brunners „Der Schockwellenreiter“, William Gibsons „Neuromancer“, Neal Stephensons „Snowcrash“, Vernor Vinges „True Names“ und selbst weniger bekannte Klassiker wie „Die Mutter aller Stürme“ von John Barnes sollten doch alles deutlich genug ausmalen. Schon immer waren Science-Fiction-Autoren die besseren Sozialwissenschaftler, und als sie den dystopischen Charakter des Netzes beschrieben, trafen sie wieder einmal ins Schwarze.

In Wirklichkeit würde das Internet keinen auch nur entfernt utopischen Charakter annehmen, ungeachtet aller salbadernd verkündeten Visionen à la „Der Weg nach vorn“ von Koryphäen wie Bill Gates – einem Spätzünder in Bezug aufs Internet. Dies dämmerte mir im Laufe der 1990er Jahre und wurde durch die Affäre um den damaligen Hacker Kevin Mitnick besonders deutlich. Indem es jeden Menschen auf dem Planeten mit jedem anderen in direkten Kontakt brachte, öffnete das Netz eine Büchse der Pandora an allgemeiner Gehässigkeit.

Das Netz als Spiegel

Während das Netz in der Tat nationale Grenzen spielerisch überwand, läutete der Bedeutungsverlust des Lokalen keineswegs automatisch eine neue überlegene Cyberwelt ein. Das Netz verschärfte und beschleunigte schlichtweg Gutes wie Schlechtes und wurde faktisch zu einem Spiegel, in dem sich die Fantasien und Narreteien der Welt reflektierten. Willkommen in einer trostlosen Welt, die ziemlich an „Blade Runner“ erinnert und in der russische, ukrainische, nigerianische und amerikanische Cybergangster das Sagen haben und jede unserer Regungen und Bewegungen von einer Schar Großer und Kleiner Brüder überwacht wird.

Nicht nur habe ich mich in einen Internetpessimisten verwandelt, sondern seit einiger Zeit fühlt sich das Netz für mich regelrecht gespenstisch an. Ich will es nicht vermenschlichen, aber scheint es nicht einen eigenen Willen zu haben? Wir haben uns tief in eine Welt hineinbegeben, in der das Netz im Namen irgendeiner cyborghaften Zukunft die Werte praktisch jeder traditionellen Institution auslaugt. Werden wir alle assimiliert, oder sind wir’s schon? Moment mal! Bremst mich! Der Film hieß „Matrix“, oder?

Der Verfasser ist Silicon Valley-Korrespondent der New York Times. Zuletzt veröffentlichte er „What the Dormouse Said. How the Sixties Counterculture Shaped the Personal Computer Industry“.

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Eine Antwort zu „Im Spiegel des Netzes“

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