„Tiefen und Untiefen“

aus: FAZ.NET, 8. 1. 2010

Von Nicholas Carr

Nicholas Carr Zu Beginn des Schuljahrs im vergangenen September verkündete die Cushing Academy – eine aufs College vorbereitende Spitzenprivatschule in Massachusetts, die seit den Tagen des Bürgerkriegs besteht -, sie werde ihre Bibliothek von Büchern leeren. Statt der tausenden von Bänden, die einmal dicht gedrängt die Regale gefüllt hatten, werde die Schule „Computer auf dem neusten Stand der Technik mit hochauflösenden Bildschirmen für Recherche und Lektüre“ installieren sowie „Monitore, die den Schülern Zugang zu Dialogdaten in Echtzeit und Nachrichteneinspeisungen aus der ganzen Welt verschaffen“. Cushings buchlose Bibliothek werde sich, prahlte Schulleiter James Tracy, „zu einem Modell für die Schule des einundzwanzigsten Jahrhunderts entwickeln“.

Die Geschichte fand kein großes Presseecho – sie kam und ging so schnell wie ein Tweet -, aber mir erschien sie als ein tiefer kultureller Einschnitt. Eine Bibliothek ohne Bücher wäre vor nur zwanzig Jahren undenkbar gewesen. Heute scheint die Nachricht fast überfällig. Ich bin in den vergangenen Jahre häufig in Bibliotheken gewesen und habe mehr Menschen auf Computerbildschirme starren als in Büchern blättern sehen. Die wichtigste Funktion von Bibliotheken scheint heute bereits nicht mehr darin zu bestehen, den Zugang zu Druckwerken, sondern den Zugang zum Internet zu ermöglichen.

Beschleunigte Entwicklung

Es spricht alles dafür, dass sich diese Entwicklung noch beschleunigen wird. „Wenn ich ein Buch betrachte, dann sehe ich eine veraltete Technologie“, ließ Mr. Tracy einen Reporter des „Boston Globe“ wissen. Seine Schützlinge schienen mit ihm einer Meinung zu sein. Eine sechzehnjährige Schülerin nahm das Verschwinden der Bücher von der lockeren Seite. „Wenn man das Wort ‚Bibliothek‘ hört, denkt man an Bücher“, sagte sie. „Aber nur sehr wenige Schüler lesen auch wirklich Bücher.“

Was es einer Bildungseinrichtung wie Cushing so leicht macht, ihre Bücher über Bord zu werfen, ist die Annahme, dass die Wörter in den Büchern dieselben sind, ob sie nun auf Papier gedruckt oder aus Pixel oder elektronischer Tinte auf einem Bildschirm geformt werden. Ein Wort ist ein Wort ist ein Wort. „Wenn ich aus dem Fenster schaue und einen Schüler, eine Schülerin unter einem Baum sitzen und Chaucer lesen sehe“, so Tracy, „ist es für mich völlig bedeutungslos, ob sie dafür einen Kindle oder ein Taschenbuch nutzen.“ Das Medium, heißt das, spielt keine Rolle.

Ein Blick in die Geistesgeschichte

Aber Tracy irrt. Das Medium spielt sehr wohl eine Rolle, und zwar eine bedeutende. Wörter auf einem vernetzten Computer – ob einem PC, einem iPhone oder einem Kindle – zu lesen, ist ein ganz anderes Erlebnis, als dieselben Wörter in einem Buch zu lesen. Als Technologie betrachtet, bündelt ein Buch unsere Aufmerksamkeit, es schirmt uns von den unzähligen Ablenkungen ab, von denen unser Leben voll ist. Ein vernetzter Computer tut genau das Gegenteil. Er ist darauf ausgerichtet, unsere Aufmerksamkeit zu zerstreuen. Er bietet keinen Schutz vor den Ablenkungen; vielmehr trägt er zu ihnen bei. Die Wörter auf einem Bildschirm existieren in einem Durcheinander konkurrierender Reize.

Das menschliche Gehirn, verrät uns die Wissenschaft, passt sich rasch an seine Umgebung an. Diese Anpassung findet auf einer tiefen biologischen Ebene statt und betrifft die Art und Weise, wie sich unsere Nervenzellen oder Neuronen miteinander verbinden. Die Technologien, mit deren Hilfe wir denken, einschließlich der Medien, die wir gebrauchen, um Informationen zu erlangen, aufzubewahren und mitzuteilen, sind entscheidende Bestandteile unserer intellektuellen Umwelt und prägen unser Denken in hohem Maße. Diese Tatsache wurde nicht nur im Labor bewiesen; schon ein flüchtiger Blick in die Geistesgeschichte kann sie nicht übersehen. Es mag für Tracy bedeutungslos sein, ob ein Schüler in einem Buch oder auf einem Bildschirm liest. Für den Geist dieses Schülers ist es nicht bedeutungslos.

Geschäftige Interaktivität

Meine eigenen Lektüre- und Denkgewohnheiten haben sich dramatisch gewandelt, seit ich mich vor rund fünfzehn Jahren zum ersten Mal ins Web einwählte. Heute lese und recherchiere ich hauptsächlich online. Und dies hat mein Gehirn verändert. Zwar bin ich geübter darin geworden, durch die Stromschnellen des Netzes zu steuern, doch hat meine Fähigkeit, mich für längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren, kontinuierlich nachgelassen. Nachdem die Tiefe unserer Überlegungen direkt mit dem Grad unserer Aufmerksamkeit zusammenhängt, fällt es schwer, den Schluss zu vermeiden, dass unser Denken seichter wird, während wir uns an die geistige Umwelt des Netzes anpassen.

Es gibt so viele menschliche Gehirne, wie es Menschen gibt. Ich gehe deshalb davon aus, dass die Reaktionen auf den Einfluss des Internet, und folglich auf die diesjährige Edge-Frage, aus vielen Perspektiven erfolgen werden. Manch einer wird in der geschäftigen Interaktivität des vernetzten Displays eine Umwelt sehen, die ideal für seine geistigen Neigungen geeignet ist. Andere werden eine katastrophale Erosion der Fähigkeit von Menschen sehen, sich ruhigerer, meditativerer Denkweisen zu befleißigen. Viele werden sich wahrscheinlich irgendwo zwischen den Extremen bewegen und dankbar für die Reichtümer sein, die das Netz bietet, sich aber besorgt über seine langfristigen Auswirkungen auf die Tiefe der individuellen intellektuellen und der kollektiven Kultur zeigen.

Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen glaube ich, dass wir Gefahr laufen, mindestens so viel zu verlieren, wie wir gewinnen können. Mir tun die Kinder in der Cushing Academy leid.

Nicholas Carr ist Wissenschaftspublizist. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehören „The big switch. Der große Wandel. Die Vernetzung der Welt von Edison bis Google“ sowie der international vieldiskutierte Essay „Is Google making us stupid?“

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