„Wir werden hochgeladen“

aus: FAZ.NET, 8. 1. 2010

Von Sam Morris

Sam HarrisDie Vorstellung, der menschliche Geist werde eines Tages in ein gewaltiges Computernetzwerk wie das Internet hochgeladen, gehört mittlerweile zu den Grundzutaten wissenschaftlicher Phantasien oder Albträume. Während ich mir bezüglich der Frage, ob wir den neuronalen Code jemals knacken und unser Innenleben als Abfolge von Bits aus ihm herauslesen können, im Unklaren bin, muss ich feststellen, dass ich nach und nach bereits hochgeladen werde – wie vorhergesagt. So erinnerte ich mich neulich an eine berühmte Passage von Adam Smith, die ich gerne zitieren wollte: etwas über ein Erdbeben in China. Ich überlegte kurz, ob ich meine Bücherregale auf der Suche nach dem „Wohlstand der Nationen“ durchkämmen sollte.

Aber ich habe tausende von Büchern in meinem ganzen Haus verteilt, und das nicht besonders systematisch. Unlängst verbrachte ich eine Stunde damit, ein bestimmtes Werk zu finden, und eine weitere damit, es zu überfliegen, nur um zu dem Ergebnis zu kommen, dass es nicht jenes war, das ich eigentlich im Sinn hatte. Darauf wäre es auch im vorliegenden Fall hinausgelaufen, denn der Passus von Smith, den ich vage in Erinnerung hatte, findet sich in seiner „Theorie der ethischen Gefühle“. Warum nicht einfach die Wörter „adam smith china erdbeben“ in Google eingeben? Auftrag erledigt.

Fragen des Abschreibens

Natürlich ist inzwischen so ziemlich jeder in dieser Weise auf das Internet angewiesen. Zunehmend jedoch verlasse ich mich auf Google, um mich an meine eigenen Gedanken zu erinnern. Als alter Faulpelz bin ich dafür anfällig, meine eigenen Arbeiten auszuschlachten: Eine Ausführung aus einem Vortrag wird in einen Zeitungskommentar eingeflochten; der Kommentar geht später in ein Buch ein; Ausschnitte aus dem Buch können dann wieder Teil eines Vortrags werden. Diese Methode führt dazu, dass ich mich gelegentlich frage, wie und wo und in welchem peinlichen Ausmaß genau ich von mir selbst abgeschrieben habe. Einmal mehr öffnen sich die Pforten der Erinnerung nicht in meinem mittleren Schläfenlappen, sondern in einem Rechnerverbund, der sehr weit von mir entfernt ist, vermutlich da, wo die Mieten niedrig sind.

Diese Migration ins Internet schließt inzwischen auch mein Gefühlsleben ein. So beteilige ich mich etwa gelegentlich an öffentlichen Debatten und Podiumsdiskussionen, bei denen ich auf irgendeinen über-, unter- oder falsch informierten Gegenspieler treffe. „Wie ist es gelaufen?“, fragen mich dann meine Frau oder meine Mutter. Ich weiß mittlerweile, dass ich diese Frage nicht beantworten kann, ohne mir die Debatte vorher online anzusehen – denn wie ich sie selbst in Erinnerung habe, stimmt häufig nicht mit dem Eindruck überein, den ich mir später von ihr mache, wenn ich sie mir anschaue. Welche Betrachtung entspricht der Wirklichkeit eher? Ich habe gelernt, auf die Youtube-Version zu setzen. Sie ist auf jeden Fall jene, die überdauern wird.

Überraschungen zu erwarten

Zunehmend entwickle ich Beziehungen zu anderen Forschern und Autoren, die sich ausschließlich online abspielen. Jerry Coyne und ich sind uns zuerst in einem Taxi in Mexiko begegnet. Davor hatten wir einander jedoch schon hunderte von Emails geschrieben. Nahezu jeder Satz, den wir je ausgetauscht haben, befindet sich in meinem „Gesendet“-Ordner. Somit ist unsere ganze Beziehung durchsuchbar. Ich habe viele andere Freunde und Ratgeber, die für mich auf diese Weise existieren, als Emailkorrespondenten. Mein Verständnis von Gemeinschaft hat sich dadurch tiefgreifend verändert. Es gibt Menschen, denen ich noch nie begegnet bin und die besser verstehen, was ich morgen denken werde, als einige meiner engsten Freunde.

Und man darf sich auf Überraschungen einstellen, wenn man diese digitale Korrespondenz einmal durchsieht. Unlängst durchsuchte ich den Ordner mit den gesendeten Emails nach der Wortfolge „Barack Obama“ und musste feststellen, dass mir 2004 jemand geschrieben hatte, um mir mitzuteilen, dass er seinem guten Freund Barack Obama ein Exemplar meines ersten Buches zukommen lassen wolle. Warum hatte ich keine Erinnerung an diesen Mailaustausch? Weil mir Barack Obama damals kein Begriff war. Indem ich meinen Bitstrom durchsuche, werde ich nicht nur daran erinnert, was ich einmal gewusst, sondern auch an das, was ich noch nie verstanden habe.

Ich bin keineswegs ein Computerfreak. Ich bin in keinem sozialen Netzwerk; ich twittere (noch) nicht; und ich lade keine Bilder bei Flickr hoch. Aber selbst in meinem Fall erfordert eine ehrliche Reaktion auf die delphische Aufforderung „Erkenne dich selbst!“ bereits eine Internetsuche.

Sam Harris ist Neurowissenschaftler; Vorsitzender der Stiftung „The Reason Project“; Buchveröffentlichung: „Brief an ein christliches Land“. Eine Abrechnung mit dem religiösen Fundamentalismus. Bertelsmann Verlag, München 2008.

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