Wikipedias Amateure und die akademische Wissenschaft

aus: Neue Zürcher Zeitung, 13. Februar 2010,

Ordnung und Unordnung des Wissens

«Akademiker» contra «Wikipedianer» – ein Streit unter alten Vorzeichen

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia wird von sehr vielen genutzt, auch von Wissenschaftern. Dennoch ist Wikipedia in der akademischen Welt noch nicht salonfähig. Das Spannungsverhältnis zwischen Wikipedianern und Akademikern hat historische Vorläufer.

Von Caspar Hirschi

«Kann Wikipedia Expertenstatus erlangen?», fragte vor drei Jahren im «New Yorker» die Pulitzerpreisträgerin Stacy Schiff. In ihrer Antwort stellte sie einen Wikipedia-Autor mit dem Pseudonym «Essjay» vor, hinter dem sich ein Professor der Theologie an einer privaten amerikanischen Universität verberge. Bis zu vierzehn Stunden pro Tag, hatte sie erfahren, komponiere und korrigiere er Wikipedia-Artikel, er halte es aber für ratsam, seinen Kollegen nichts davon zu erzählen. Einige Monate später war Essjay vom anonymen Professor zum 24-jährigen Ryan Jordan ohne akademischen Titel geschrumpft. Es war ein gefundenes Fressen für die Kritiker von Wikipedia. Eine führende Hochschulzeitschrift der USA kommentierte, der Vorfall habe Wikipedias Glaubwürdigkeit geschadet – vor allem bei Professoren, die nun konstatierten, dass einer der profiliertesten Akademiker der Online-Enzyklopädie ein Hochstapler sei. Derweil glaubte ein echter Professor an einer Privatuniversität das Problem gefunden zu haben: Wikipedia könnte das Leben bereichern, würden die Artikel bloss, bevor sie erschienen, Gelehrten vorgelegt; solange dies nicht geschehe, habe Wikipedia «keinen Platz in der Universität».

Wahrheitsanspruch als Privileg

Die Essjay-Episode ist in der Tat aufschlussreich, wenn auch kaum aus den Gründen, die von vielen Kritikern angeführt wurden. Nachdem Essjays Identität aufgeflogen war, überprüften andere Wikipedia-Autoren seine Beiträge und fanden heraus, dass er schon in Diskussionsforen seine Titel als Autoritätsargument eingesetzt hatte; an der Qualität seiner Einträge fanden sie aber kaum etwas auszusetzen. Anders als die reich dekorierte Autorin des «New Yorker» hatte Jordan für seine Artikel ausreichend recherchiert, anders als sie bezahlte er sein Vergehen aber teuer: Er musste Wikipedia verlassen, verlor seine Stelle in einem Tochterunternehmen und wurde der öffentlichen Schande ausgesetzt, während Stacy Schiff neue Preise und eine Gastkolumne bei der «New York Times» erhielt. Die Ungleichbehandlung hat eine gewisse Logik, denn ein erfundener Titel ist für die westliche Wissensökonomie bedrohlicher als schlechte Forschungsarbeit: Er führt Falschgeld in den Wettbewerb um Glaubwürdigkeit ein.

Jordan hatte gut erkannt, woran Wikipedia krankt. Die Plattform kann noch so viele Leser haben, noch so umfassend und aktuell sein, noch so gut in Vergleichsstudien mit der «Encyclopedia Britannica» oder dem «Brockhaus» abschliessen, sie wird nicht als seriöse Informationsquelle anerkannt. Mit ihrem egalitären Arbeitsprinzip verstösst sie gegen die Ordnung des Wissens, wonach öffentlicher Wahrheitsanspruch ein soziales Privileg ist, das von Bildungsinstitutionen verliehen wird. Langfristig besteht die einzige Hoffnung von Wikipedia darin, diese Ordnung zu verändern, indem sie die akademische Elite integriert – oder marginalisiert. In beiden Fällen würde diese Elite einen Reputationsverlust erleiden, und insofern kann man verstehen, dass Wikipedia bei Akademikern Abwehrreflexe auslöst.

Alter Kampf mit neuen Mitteln

Im Streit um Wikipedia werden Befürworter wie Gegner von der falschen Überzeugung geleitet, es sei hier etwas Präzedenzloses im Gang. Ihre Argumente wären um einige Verzerrungen ärmer und einige Einsichten reicher, würde die Angelegenheit als das gesehen, was sie ist: die Neuauflage eines alten Machtkampfes, in dem institutionell geadelte und titellose Gelehrte um die Hoheit der enzyklopädischen Wissenspopularisierung streiten. Die Anfänge dieses Streites liegen in der frühen Aufklärung. Richtig lanciert wurde er vom Wörterbuch der Académie française, das 1694 erschien und fortan den institutionellen Fels bildete, um den die aufklärerischen Enzyklopädien immer höhere Wellen schlugen.

6 Die Autoren der Akademie reklamierten die alleinige Autorität über die französische Sprache und reduzierten diese zugleich auf das vornehme Vokabular. In der Widmung an Ludwig XIV. präsentierten sie ihren Dictionnaire als kulturelles Komplement zur königlichen Eroberungspolitik: Während die Akademiker die französische Sprache verschönerten und verständlich machten, werde diese von den siegreichen Waffen des Königs zu den Ausländern gebracht. Unter Ludwig sei das Französische bei einem «ruhmreichen Punkt der Unveränderlichkeit» angelangt, der vom Akademie-Wörterbuch festgehalten werde. Die Machtdemonstration der Autoren gipfelte in der Erklärung, der Dictionnaire brauche keine Literaturbeispiele zu zitieren, die seine Definitionen beglaubigten, da «mehrere unserer berühmtesten Redner und unserer grössten Dichter an ihm gearbeitet haben».

Der Autoritätsanspruch der «Unsterblichen» zwang spätere Wörterbuchautoren, von denen die meisten ohne Rückendeckung einer Akademie oder Universität arbeiteten, zu erfinderischen Selbstinszenierungen. Obwohl die Nachfrage für Wörterbücher im 18. Jahrhundert explodierte, rangen viele ihrer Verfasser mit Statusproblemen. Zu ihnen gehörten auch die aufklärerischen Enzyklopädisten, die ihre junge Gattung des universalen Sachwörterbuches neben den Sprachwörterbüchern zu etablieren versuchten.

Einige stellten ihr Werk ebenfalls als Produkt einer Art Akademie dar. Ephraim Chambers, der Assistent eines Buchhändlers war, eröffnete seine «Cyclopaedia» von 1728 mit einem Frontispiz, auf dem das Gelände einer modernen Idealakademie abgebildet war. Der Stich ist vage an Raffaels «Schule von Athen» angelehnt, aber während bei Raffael die Gelehrten mit Büchern, Griffeln und Tafeln ausgerüstet sind, hantieren sie bei Chambers mit Instrumenten, Globen und Karten; nur im Hintergrund steht eine theologische Bibliothek. Chambers bekannte sich damit zu der von Francis Bacon geprägten Doktrin der Royal Society, die empirische Beobachtung gegen Buchgelehrsamkeit ausspielte. Kurz nach der Publikation der «Cyclopaedia» wurde er in die Akademie der Wissenschaften des Vereinigten Königreichs aufgenommen.

Chambers‘ Akademie-Imagination machte Schule. Sein Frontispiz wurde in einer späteren Enzyklopädie seitenverkehrt reproduziert, während sich andere Werke explizit als Produkte einer «Society of Gentlemen» ausgaben. Unter diesem Namen erschien 1754 ein «New and Complete Dictionary of the Arts and Sciences» – ein stolzer Titel für ein Werk, das der Verleger Michael Owen eigenhändig aus anderen Wörterbüchern zusammengestoppelt hatte.

Origineller und für die Vorgeschichte der Wikipedia-Debatte wegweisender war der Versuch, ein antiautoritäres Gegenmodell zum Akademie-Wörterbuch zu entwerfen. Am weitesten trieben ihn Autoren, die man heute kaum mit aufklärerischer Verve in Verbindung bringen würde: die anonymen Jesuiten des «Dictionnaire de Trévoux» von 1704. Auch sie kopierten hemmungslos, vor allem aus Antoine Furetières «Dictionnaire Universel», warben aber zugleich mit zukunftsträchtigen Argumenten für ihr Werk.

Zuerst unterschieden sie zwei Typen von Wörterbuchautoren: die offiziellen Autoritäten in sprachlichen Dingen und die «simples particuliers». Nachdem sie die Akademiker dem ersten und alle anderen Verfasser dem zweiten Typ zugeordnet hatten, zogen sie einen Vergleich zum Gerichtswesen: Man müsse die Akademie wie einen «souveränen Gerichtshof» ansehen, der das Recht habe, Urteile zu fällen, ohne Rechenschaft abzulegen, während man die anderen Autoren als Anwälte betrachten müsse, «die nur soweit glaubwürdig sind, als sie auf gute Gründe oder sichere Zeugenaussagen gestützt sind».

Danach fragten die Jesuiten, welchen Verfassertyp die Leser wohl bevorzugten. Die Antwort war vorhersehbar, nicht aber die Begründung, die in eine kaum verhüllte Kritik am Sonnenkönig mündete. Die Öffentlichkeit ziehe Autoren vor, die Literaturbeispiele zitierten, weil sie dem «natürlichen Stolz des menschlichen Geistes schmeicheln, der es nicht mag, beherrscht zu werden, und der es ungern erleidet, wenn man ihn unterwerfen und souverän über ihn verfahren will, indem man ihm absolute Gesetze auferlegt, ohne ihn die Motive und Gründe wissen zu lassen». Der Leser, so ihr Fazit, wolle den Autor «wie einen aufgeklärten Freund» betrachten, «der mit ihm deliberiert».

Damit war bereits 1704 eine aufklärerische Stellung gegen die «absolutistische» Lexikografie bezogen; und als 1721 die zweite Auflage des «Trévoux» erschien, wurde das Bekenntnis zu einem egalitären Autor-Leser-Verhältnis mit der Bemerkung bekräftigt, das Werk habe dank Korrekturen von unbekannten Personen Fortschritte erzielt.

Vereinigung des Unvereinbaren

Zitieren oder nicht zitieren, an dieser Frage hängt bis heute die Autorität eines Wörterbuches. Die «Britannica» zitiert so wenig wie möglich und verweist dafür umso nachdrücklicher auf Beiträger wie Albert Einstein, Sigmund Freud und Bertrand Russell. Wikipedia dagegen zitiert, so viel es nur geht, im Wissen darum, dass die Glaubwürdigkeit ihrer Aussagen bestenfalls so gross ist wie jene ihrer Belegstellen.

Der «Dictionnaire de Trévoux» erlebte bis 1771 sechs weitere Auflagen, etablierte sich jedoch nie als Gegeninstitution zum Akademie-Wörterbuch. Dieser Rang blieb der «Encyclopédie» vorbehalten, die nach 1751 Band für Band erschien. Auch Diderot und d’Alembert lancierten ihr Werk als ein autoritätskritisches Unternehmen, das dem Diktat des Dogmatismus mit der Erklärungskraft der Vernunft begegne und dabei die «Demokratie der Gelehrtenrepublik» hochhalte. Zugleich stellten sie sich aber als eine «société de gens de lettres» vor, listeten ihre Mitgliedschaften in Akademien auf und warben mit den Namen berühmter Autoren (und Académiciens), von denen einige, wie Montesquieu und Buffon, letztlich gar nichts zur «Encyclopédie» beisteuerten.

Noch nie zuvor waren so viele Verfasser an einem Wörterbuch beteiligt (die meisten davon anonym), und noch nie wurde die Hierarchie zwischen Autoren und «subalternen Kritikern» so stark herausgestrichen wie in der «Encyclopédie». Sie kombinierte Vernunftrhetorik und Machtgehabe, Kritik und Imitation der Akademie – und erkämpfte sich damit eine neue, aufklärerische Autorität. Diese beruhte auf einer Vereinigung des Unvereinbaren, einem egalitären Elitismus. Ryan Jordan alias Essjay hat ihn für Wikipedia aufzufrischen versucht. Noch aber gleicht die Online-Enzyklopädie dem «Dictionnaire de Trévoux», nicht der «Encyclopédie».

Dr. Caspar Hirschi ist Research Fellow an der Universität Cambridge. Auf die Quellen zur Essjay-Kontroverse ist er bei Wikipedia gestossen.
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