Der gläserne User.

aus: FAZ.NET, 19. 2. 2010

Wegweisend: Die Kartographie der Datenspione

Von Joachim Müller-Jung

GPS macht's möglich: Unser Mobilitätsverhalten ist leicht zu durchschauenGPS macht’s möglich: Unser Mobilitätsverhalten ist leicht zu durchschauen

Macht uns das Handy zur Marionette der Datenschnüffler von Telekommunikations- unternehmen und Firmen wie Google und Facebook? Soeben ist in der weltweit angesehenen Wissenschaftszeitschrift „Science“ die Studie eines bekannten Physikers erschienen, der genau das in Aussicht stellt: Mit einer Wahrscheinlichkeit von mindestens 80 Prozent lässt sich heute schon das Mobilitätsverhalten jedes Menschen voraussagen – und zwar schon anhand der gespeicherten Verbindungsdaten aus den letzten drei Monaten.

Einzige Voraussetzung: „Online sein“ und das Gerät einigermaßen regelmäßig nutzen. Die Studie wirft damit auch ein Schlaglicht auf die Macht der Datenspione in den sozialen Netzen des Internet .

Eine aufsehenerregende Analyse

Die Frage, die sich der Physiker und Netzwerktheoretiker Albert László Barabási stellte, lautet: Lässt sich aus ein paar gespeicherten Standortdaten das Verhalten eines Menschen nicht nur ableiten, sondern regelrecht vorhersagen, wann und wo sich die Person in Zukunft aufhält? Der gebürtige Rumäne, der an der Northeastern University sowie an der Harvard Medical School soziale und biologische Netze simuliert, hat jetzt seine aufsehenerregende Analyse dazu vorgelegt.

Intuitiv glauben wir, dass die Aufenthaltsorte von Menschen, die viel reisen, viel schwerer vorherzusagen sind als bei solchen, die die meiste Zeit zu Hause und in der Nachbarschaft verbringen. Tatsächlich gibt es einen kleinen Unterschied, aber der ist offenbar, wenn man nur genügend Daten sammelt, verschwindend gering. Barabási hat zusammen mit einem amerikanischen und zwei chinesischen Kollegen die anonymisierten Verbindungen von 45 000 Menschen ausgewertet, die tagsüber mindestens alle zwei Stunden mit dem Handy telefonierten.

Mit Quartalsdaten der Telefonfirmen

Eingeflossen sind ausschließlich Quartalsdaten der Telefonfirmen, die auch für die Handyrechnung aufbereitet werden. Entscheidend waren dabei die Verbindungsaufnahmen zu den Sendemasten, die im Zentrum jeder – im Schnitt rund drei Quadratkilometer großen – Funkzelle stehen. Die Aufenhaltsorte konnten damit also zwar nicht punktuell rekonstruiert, aber stark eingegrenzt werden – Tag für Tag. Von jedem einzeln Handynutzer wurden die manchmal über Hunderte Kilometer verteilten Bewegungsmuster erstellt.

Ergebnis: Egal ob alt oder jung, Mann oder Frau, ob erwerbstätig oder arbeitslos, ob Ausländer oder Amerikaner, Landbewohner oder Städter – die individuellen Muster sind so regelmäßig, dass die Forscher aus den Dreimonatsdaten mit ihrem Algorithmus das Verhalten der nächsten Tage ziemlich sicher voraussagen konnten. Bei Leuten, die eher wenig reisen, sogar mit einer Wahrscheinlichkeit von bis zu 93 Prozent. Barabásis Fazit: „Unsere alltägliche Mobilität ist geprägt von einer tiefsitzenden Regelmäßigkeit, mag der Wunsch in uns nach Spontaneität und Veränderung noch so groß sein.“

Text: F.A.Z.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter aktuell abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s