Digitaler Exhibitionismus

aus: Neue Zürcher Zeitung, 14. April 2010

Soziale Online-Netzwerke wie Facebook fördern den laxen Umgang mit Privatheit – ist der Vorwurf berechtigt?

Die Preisgabe persönlicher Daten bildet die Geschäftsgrundlage für Netzwerke wie Facebook. Nutzer suchen ihren Spass in freizügigem Austausch und reklamieren dennoch Privatheit. Eine Illusion.

Von Joachim Güntner

Sie heissen Facebook, MySpace oder Xing, ihre Nutzer zählen nach Millionen, und sie wachsen beständig. Mehr noch als die vielen kleinen, oft einem Themengebiet verpflichteten Weblogs stehen jene massentauglichen Plattformen für die Attraktivität des Web 2.0, für jenes Internet der zweiten Generation, das die Surfer zum Mitmachen einlädt. Wer sich dort anmeldet, erhält Speicherplatz für Erlebnisberichte, Fotos und Videos. Sinn des Unternehmens ist, Daten mit anderen zu teilen, weshalb Facebook und Co. gern auch als «Social Web» oder «Netzgemeinschaften» figurieren. Die Registrierung kostet nichts, jedenfalls kein Geld, der Nutzer zahlt mit der Preisgabe seines Namens, seines Alters und Geschlechts sowie der Angabe einer E-Mail-Adresse. Dem sollen möglichst umfangreiche Zusatzangaben folgen. Die Identität hinter einem Pseudonym zu verstecken, ist möglich, wird aber nicht gern gesehen. Ohnehin erscheint ein Inkognito als systemwidrig, da es auch darum geht, gefunden zu werden, sei es von alten Freunden oder von neuen Geschäftspartnern.

Entblössung beginnt im Banalen

So beliebt die neuen digitalen Netzwerke zumal unter jungen Leuten sind, so schlecht ist ihr Ruf unter Datenschützern. Als allzu freizügig erscheint, was manches Mitglied dort verbreitet. Der Bericht vom Alkoholexzess am Wochenende, die Foto von der Freundin in verfänglicher Lage – das mag, wenn es in der persönlichen Rubrik publiziert wird, als harmlos empfunden werden. Man hatte Spass, und nun kostet man noch einmal nach. War die Samstagnacht nicht lustig? Und wie! Es geht sogar noch lustiger, will sagen anstössiger, je nach Geschmack und Toleranz. Studentische Gruppen, die Frauen zu «Sperma-Partys» einladen oder die einer Vorliebe für Urin als «Natursekt» frönen und dies mit Bildern dokumentieren, legen bereitwillig von ihren Freizeitaktivitäten Zeugnis ab. Rege genutzt wird auch der bei Facebook zugeschaltete Dienst eines Drittanbieters, der mit den Worten lockt: «Wir veröffentlichen eure SMS, die zu gut, witzig oder krass sind, um nur von euch alleine gelesen zu werden.» Witzig ist da nicht allzu viel, aber «krass» trifft die Sache schon recht gut.

Es sind nicht allein die kalkulierten oder auch einfach nur primitiven Schamverletzungen, die den Netzwerken den Ruf eingetragen haben, «digitalen Exhibitionismus» zu praktizieren. Die Entblössung beginnt schon früher. Viele Menschen finden ganz offenkundig nichts dabei, ihr persönliches Profil im Netz mit einer Fotografie von sich, mit der Angabe von Alter, Geburts- und Wohnort, Ausbildung und Arbeitgeber anzureichern und auch die Aufzählung der Hobbys und Vorlieben nicht zu vergessen. Wesentlich für den Betrieb sind «Statusmeldungen», die darüber informieren, was jemand gerade tut, wo und wie er sich befindet: das Banale als das Fundamentale. Intimes kursiert auf einer Plattform wie Xing, die dem Austausch von Geschäftskontakten dient, naturgemäss weit weniger als auf Facebook, MySpace oder den speziell für Schüler und Studenten gedachten Foren. Überall aber bildet die Chance, identifiziert zu werden, die Basis der ganzen Veranstaltung.

Im Wunsch nach Austausch und Selbstdarstellung treffen sich beide Seiten: Der Betreiber des Netzwerks braucht die Daten des Nutzers, um individualisierte Werbung schalten und Geld verdienen zu können. Der Nutzer wiederum baut seine Online-Existenz in sein alltägliches Leben ein, betreibt Eigenwerbung und Selbststilisierung, neudeutsch «Identitäts-Management», pflegt Beziehungen, knüpft neue Kontakte, flirtet, bloggt, tauscht sich über Termine und Veranstaltungen aus oder organisiert Flashmobs, Feten am Strand oder politische Demonstrationen. Mit einem Wort: Er (oder sie) steht als Individuum im öffentlichen Austausch, und zwar in vielerlei Hinsicht genau so, wie es der Soziologe Erving Goffman 1971 in «Relations in Public», diesen empirisch wunderbar reichen «Mikrostudien zur öffentlichen Ordnung», beschrieben hat.

Facebook, um bei dem mit 400 Millionen Mitgliedern populärsten Portal zu bleiben, ist nun einmal kein von der Realität abgesondertes, ins virtuelle Nirwana verschobenes «Second Life», und seine Nutzer sind keine Avatars. Seltsam mag das Streben wirken, den Bekanntenkreis eifrig zu erweitern, Freundschaftsanfragen an Fremde zu richten und die dabei gewonnenen Kontakte wie Statussymbole – je mehr, desto besser, das derzeitige Richtmass liegt bei 130 – in der eigenen persönlichen Rubrik aufzulisten. Aber dies machen doch die Menschen in der sozialen Welt jenseits des Netzes seit Ewigkeiten ebenso gern: sich damit zu brüsten, «Beziehungen zu haben». Und wird der Leser Goffmans nicht auch bei Facebook manches interpersonelle Ritual wiederfinden, das der Soziologe beschrieb, als er von der Knüpfung und Belebung sozialer Kontakte handelte? Das Ritual der Bestätigung etwa, mit dem wir eine Äusserung einer Person oder auch eine Änderung in ihrer Lebenssituation quittieren – Glückwünsche, Lob, Neckereien, Beileid, Herstellung von Eintracht im Gespräch über Nichtigkeiten. Im Netz kann die Zustimmung wortreich auftreten, aber sie kann auch durch Symbole signalisiert und damit konventionalisiert sein, in Analogie zu den Höflichkeitsfloskeln des Real Life. Das Individuum im öffentlichen Austausch bedarf dringend all jener «Barmherzigkeiten», wie Goffman sie nennt, ohne die «überall unzufriedene Personen zurückbleiben würden, die an den ihnen zugefügten Konversationsgrausamkeiten verbluteten».

Ein gravierender Unterschied zwischen den Sphären allerdings bleibt, und damit kommen wir zu den Gründen, die Kritiker einen Verfall der Privatsphäre beklagen lassen. Der Kommunikation im Online-Netzwerk fehlt der Blickkontakt. Manche Dinge sagen sich leichter, wenn man sie jemandem nicht direkt ins Gesicht sagen muss. Wie Sabine Trepte und Leonard Reinecke, ein Forschergespann zur Medien- und Sozialpsychologie an der Universität Hamburg, berichten, liefert eine Reihe von Studien Hinweise darauf, «dass computervermittelte Kommunikation im Vergleich zu direkter Face-to-face-Kommunikation in der Regel zu gesteigerter Selbstoffenbarung führt», eben weil die Kommunizierenden ein gewisses Gefühl von Anonymität besitzen und überdies meinen, sie beherrschten die Situation. Den Schluss jedoch, dass Nutzer des Web 2.0 keinen Sinn mehr für Privatsphäre hätten, wollen Trepte und Reinecke nicht ziehen. In einer eigenen Analyse weisen sie die Rede von «unreflektierten Exhibitionisten» zurück und legen eine Lesart nahe, wonach es die ohnehin Extrovertierten sind, die sich im Netz entblössen.

Holländische Wohnzimmer

Was ihr Selbstbild angeht, so tuten Blogger und andere Netzaktivisten ins gleiche Horn und wähnen sich von der Schuld frei, den Wert der Privatheit zu ruinieren. Sie können darauf verweisen, dass der Kampf gegen Datenmissbrauch ja im Internet selber geführt werde. Ihr zentrales Argument indes heisst «Kontext». Demnach muss für jede Information, die ein Nutzer im Social Web von sich preisgibt, der Bezug auf den Adressatenkreis gewahrt bleiben. Es gehe nicht an, mittels Suchmaschinen die über das Netz verstreuten Informationen aufzulisten und zu einem Porträt zu verdichten – und diese entblössende Kompilation dann mit den Worten zu rechtfertigen, es sei doch sowieso schon alles irgendwo bekannt gewesen.

Um mit einem Vergleich des Medienforschers und Bloggers Jan Schmidt zu reden: Facebook und Co. böten zwar «einsehbare Informationen», seien aber ihrem Wesen nach wie «holländische Wohnzimmer», deren Fenstern die Gardinen fehlten, ohne damit aber eine Einladung an jedermann zu verbinden, sich an den Scheiben die Nasen platt zu drücken. Der Vergleich ist ebenso hübsch wie schief. Er stösst sich am Wirken automatisierter Suchmaschinen (Webcrawler), die keine Grenzen achten, und ebenso daran, dass das Internet erlaubt, überall vor Fenstern herumzulungern, ohne fürchten zu müssen, ertappt zu werden. Privatheit ist, wer wollte es bestreiten, ein gefährdetes Gut.

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