Rebellion aus dem Internet.

aus: Neue Zürcher Zeitung, 27. 7. 2010

Wikileaks hat sich als führendes Portal für «Lecks» etabliert

Die Website Wikileaks hat das «Leaken» geheimer Dokumente stark vereinfacht. Auf die Hilfe herkömmlicher Medien kann sie trotzdem nicht verzichten.

A. R. · Die Publikation von fast 92 000 klassifizierten Dokumenten zum Krieg in Afghanistan ist umfangmässig der bisher grösste Coup der noch jungen Internetorganisation Wikileaks. Aber in den dreieinhalb Jahren ihres Bestehens hat Wikileaks immer wieder aufsehenerregende Enthüllungen gemacht und damit den Zorn betroffener Geheimnishüter auf sich gezogen. Mehrere Länder, darunter China, haben den Zugang zu der Website gesperrt; die Bank Julius Bär erwirkte vor zwei Jahren mit einer Klage in den USA ebenfalls eine kurzzeitige Blockierung.

Starke Wirkung erzeugte die Website im April mit einem Video, das ihr ein inzwischen inhaftierter amerikanischer Nachrichtendienstler zugespielt haben soll. Es dokumentiert einen Helikopterangriff in Bagdad, bei dem 2007 zahlreiche Zivilisten getötet wurden. Die von der Bordkamera aufgenommene Szene und der Funkverkehr der Besatzung, die sich in menschenverachtender Weise unterhielt, vermittelten ein neues Bild vom Grauen des Kriegsalltages.

Die Internetplattform erntete mit der Veröffentlichung aber auch Kritik, weil sie das Video bearbeitet hatte und anders, als herkömmliche Nachrichtenmedien dies versucht hätten, den Kontext des Vorgefallenen völlig ausblendete. Für die «War Logs» aus Afghanistan wählte Wikileaks daher ein anderes Vorgehen: Den Wust von Dokumenten stellten die Verantwortlichen unkommentiert ins Internet; die Auswertung überliessen sie drei etablierten Medien aus drei verschiedenen Ländern.

Gegründet wurde Wikileaks Ende 2006 vom damals 35-jährigen Australier Julian Assange, einem Computerspezialisten, der schon als jugendlicher Hacker mit der Polizei in Konflikt gekommen war. Seine Website ermuntert sogenannte Whistleblowers in Behörden und Firmen, auf anonyme Weise brisante Dokumente einem weltweiten Publikum vorzustellen. Jeder kann dies tun; das Einreichen einer Computerdatei erfordert nur wenige Schritte, und die Organisation sichert den Informanten absolute Vertraulichkeit zu – meist weiss nicht einmal sie, wer die Quelle ist. Den Vorwurf, so könnten auch gefälschte Dokumente ungefiltert in Umlauf geraten, weist Wikileaks zurück. Jede Eingabe werde verifiziert. Ob eine Organisation ohne fest angestellte Mitarbeiter dies wirklich zu leisten vermag, ist allerdings unklar. Wie die Internet-Enzyklopädie Wikipedia, von der sie unabhängig ist, setzt auch die Website Wikileaks auf die Freiwilligenarbeit von Zuträgern aus aller Welt.

«Leaken» ist damit wesentlich einfacher und risikoärmer geworden. Assange gibt sich überzeugt, dass seine Organisation eine heilige Pflicht erfüllt. Wikileaks sei das stärkste Mittel, das es gebe, um «wahre Demokratie und gute Regierungsführung hervorzubringen», verkündet die Website unbescheiden.



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