Normalisierung?

aus: Neue Zürcher Zeitung, 17. 8. 2010

Wenige wollen mitmachen

Studie erkennt sinkendes Interesse an aktiver Beteiligung im Internet

Das Internet erweitert die Möglichkeiten zur Teilnahme aller, doch wenige wollen mitmachen. Laut der ARD/ZDF-Online-Studie nimmt das Interesse daran gar ab.

ras. · Vor viereinhalb Jahren wurde in den USA Twitter erfunden. Seither machte die Online-Kommunikationstechnik eine grosse Medienkarriere. Von einem rasenden Wachstum war die Rede. Wer sich zur digitalen Avantgarde zählen wollte, eröffnete ein Twitter-Konto. Und heute? Twitter stellt immer noch ein Minderheitenphänomen dar.

Diesen Schluss erlaubt die ARD/ZDF-Online-Studie, die auf Interviews mit 1800 Personen beruht, welche älter als 14 Jahre sind und in Deutschland wohnen. Danach nutzen 9% der 14- bis 19-Jährigen Twitter «zumindest selten», unter den 20- bis 29-Jährigen tun dies 4%. Bei den Älteren sinkt die Quote auf 2%. Mit einer Ausnahme: Für die 50- bis 59-Jährigen werden 4% ausgewiesen. Allerdings haben zwei Drittel der Befragten den Dienst für Kurzbotschaften bloss passiv genutzt.

Auf begrenztes Interesse stossen ebenso die Blogs, die wie Twitter in den Medien grosse Aufmerksamkeit finden. 7% der Befragten gaben an, Blogs zumindest selten genutzt zu haben. Am stärksten ist die Beachtung unter den 14- bis 19-Jährigen (14%) und den 20- bis 29-Jährigen (12%). 60% der Befragten klicken Blogs an, melden sich aber selber nicht zu Wort.

Den grössten Zuspruch unter den Diensten, welche eine Teilnahme der Internet-Nutzer erlauben, finden die Enzyklopädie Wikipedia (73%) sowie Videoportale wie Youtube (58%). Doch auch hier bleiben die meisten passiv. So beschränken sich 92% der Besucher von Videoportalen aufs Abrufen von Filmen und Filmausschnitten. Am beliebtesten sind Musikvideos, vor allem unter den Teenagern (91%). Bei den Foto-Gemeinschaften sind ein Drittel der User halbwegs aktiv.

Die ARD/ZDF-Studie erkennt im Vergleich zum Vorjahr ein sinkendes Interesse an aktiver Beteiligung im Internet. Äusserten 2009 13% der Befragten eine gewisse Bereitschaft, auf Online-Plattformen mitzuwirken, sind es nun bloss noch 7%. Unter den Teenagern sank die Zustimmungsquote von 49% auf 35%. Bei den 40- bis 49-Jährigen nahm sie von 28% auf 12% ab.

Das sogenannte Web 2.0, so bilanzieren die Studienautoren, sei nicht in erster Linie darum attraktiv, weil es das Mitmachen ermögliche, sondern weil es ein klassisches Nutzungsbedürfnis erfülle: Information und Unterhaltung.

Die Studie erkennt aber auch eine Verschiebung des Engagements von den öffentlichen Plattformen zu den privaten Gemeinschaften, wo sich die Nutzer unter ihrem Namen anmelden müssen. So sei der Anteil jener, die zumindest selten Videos innerhalb ihres Netzwerks austauschen, doppelt so hoch wie der Prozentsatz jener, die Bewegtbilder bei einem Videoportal hochladen.

Ähnlich ist das Verhältnis bei den Fotos: 69% stellen solche in privaten Netzwerken frei, 34% in öffentlichen. 39% der Befragten beteiligen sich zumindest in einer einzigen privaten Online-Gemeinschaft. Aber immerhin 61% verzichten auf diese Art der Vernetzung. 6% haben sich aus einer privaten Plattform zurückgezogen. 75% nannten als Grund der Abstinenz mangelndes Interesse, 71% Angst vor Datenmissbrauch und 68% den Wunsch, online nicht auffindbar zu sein.

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Kommentar.

Besteht also Hoffnung, dass die Unmasse an veröffentlichtem Unrat wieder abnimmt? Und dass die Einsicht Boden gewinnt, dass öffentlich und privat zwei paar Schuhe sind?!

J. E.

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