Wikipedias aufhaltsamer Aufstieg in die akademische Liga.

aus Neue Zürcher Zeitung, 27. 9. 2010

Das Wissen der Welt am Bildschirm abrufen

Durch die Auseinandersetzung mit Wikipedia erwerben Studierende Medienkompetenz

Die Online-Enzyklopädie hat an Universitäten zwar einen schweren Stand, verbieten lässt sie sich allerdings nicht. Wenige Klicks helfen, das neue Medium kritisch zu beurteilen und im Studium sinnvoll zu gebrauchen.

Von Urs Güney

Ein junger Dozent antwortet auf die Frage nach den Erwartungen an den Workshop «Wikipedia – gewusst wie»: «Ich betreue Studierende bei ihren Masterarbeiten, da wird jetzt häufig aus Wikipedia zitiert.» Um die Arbeiten besser beurteilen zu können, will er wissen, wie die Online-Enzyklopädie genau funktioniert. Das zu vermitteln, ist Ziel des Kurses, den Marcus Kohout leitet. Rund ein Dutzend interessierte Hörer verfolgen die Ausführungen des Mitarbeiters der Zentralbibliothek in Zürich.

Im akademischen Umfeld hat Wikipedia einen schweren Stand. Da die redaktionelle Kontrolle fehlt, gilt die Online-Enzyklopädie nicht als wissenschaftliche Quelle. «Doch wenn wir den Gebrauch einfach verbieten», sagt der Basler Historiker Peter Haber, der sich mit einer Untersuchung über die Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter habilitiert hat, «dann katapultieren wir uns vollends in den Elfenbeinturm.»

Reizlos für Wissenschafter

Von «Airbus A320» über «Ibotensäure» bis «Hans Zürn» gibt es kaum ein Stichwort, zu dem die Online-Enzyklopädie keine Informationen liefert. Deshalb greifen auch Studierende gern darauf zu. «Der Anteil an Studierenden, die selbst schon einen Artikel für Wikipedia verfasst oder korrigiert haben, ist allerdings sehr klein», sagt der Historiker Haber. Auch für Wissenschafter ist es wenig attraktiv, sich in Wikipedia einzubringen. Sowohl die Anonymität der Verfasser als auch die gemeinschaftliche Arbeitsweise schaffen Probleme. «Schreibe ich unter meinem Namen», erklärt Haber, «laufe ich Gefahr, dass jemand Änderungen vornimmt, mit denen ich nichts zu tun haben will.» Schreibe er hingegen anonym, müsse er auf seine wissenschaftliche Reputation verzichten. Den Argumenten Geltung zu verleihen, ist dann mit ungleich höherem Aufwand verbunden.

Im Wikipedia-Workshop rät Marcus Kohout, die Online-Enzyklopädie nicht zu zitieren, auch wenn etwa die Aktualität der Artikel ein grosser Vorteil sei. Als Einstiegsmedium sei sie aber gut geeignet. So kann man beispielsweise den dort eingebetteten Links oder Literaturhinweisen folgen. Dem stimmt Peter Haber nur bedingt zu. «Abstrakte Begriffe oder historische Epochen zu erklären, erfordert eine hohe fachliche Kompetenz», sagt Haber. Im Eintrag über das Frühmittelalter beispielsweise finden sich kaum offensichtliche Fehler. Für Studienanfänger ist aber vieles verwirrend. «Dem Text fehlt ein roter Faden», urteilt Haber. Wenn Studierende nach diesem Vorbild Informationshäppchen aneinanderreihen, sei das problematisch.

Einträge zu historischen und zeitgenössischen Persönlichkeiten vermitteln hingegen oft einen guten Einblick in deren Leben und Werk. Natürlich schleichen sich gelegentlich Fehler ein. Das kommt aber auch in redaktionell betreuten Lexika vor. In einer 2007 im Auftrag des deutschen Magazins «Stern» durchgeführten Studie hat Wikipedia sogar besser abgeschnitten als der Brockhaus. Zudem tragen engagierte Laien Unmengen von Informationen zusammen, für die in einem gedruckten Lexikon kein Platz ist.

Wikipedia bietet aber mehr als die Artikel an sich. Mit einem Klick werden Debatten zu den einzelnen Einträgen auf Diskussionsseiten sichtbar. «Diese Transparenz ist ein echter Vorteil», sagt Haber. «Beim Brockhaus weiss ich nicht, ob man sich in der Redaktion wegen einer Textstelle gestritten hat oder nicht.» Mit einem zweiten Klick kann man auf alle früheren Versionen des Artikels zugreifen. Wurde ein Artikel schon länger nicht mehr geändert, ist das ein Hinweis auf einigermassen gesichertes Wissen. Auch der Vergleich der Sprachversionen ist hilfreich. Insgesamt schneidet die englische Version am besten ab. Die Artikel sind länger und besser strukturiert, der Umgangston in den Diskussionen ist weniger gehässig als in der deutschen Wikipedia.

Buchverlage unter Druck

«Das Niveau von Semester- und Abschlussarbeiten sinkt bei reflektiertem Umgang mit Wikipedia nicht», sagt Rainer Diaz-Bone, der an der Universität Luzern die Methodenausbildung der Soziologie leitet. Unproblematisch ist das Zitieren aus Wikipedia dann, wenn etwa Gemeinden oder ein Wissenschafter-Team den Eintrag betreuen. «Auf jeden Fall müssen die Studierenden damit aber transparent umgehen», mahnt Professor Diaz-Bone. Ausserdem habe Wikipedia wissenschaftliche Buchverlage unter Zugzwang gesetzt. Die Verlage Springer und UTB haben beispielsweise Online-Zugänge geschaffen. Auch der Brockhaus liefert den Käufern der Lexikon-Reihe neu nicht nur Bücher, sondern gewährt ihnen auch exklusiven Zugriff auf ein Online-Portal mit weiteren Materialien.

Den Studierenden zu vermitteln, wie sie aus dem reichhaltigen Angebot das Beste auswählen können, ist für Diaz-Bone eine wesentliche Aufgabe der Methodenausbildung. Nur in der bewussten Auseinandersetzung mit verschiedenen Inhalten können angehende Wissenschafter die nötige Medienkompetenz entwickeln. «Nach ein paar Semestern sind Studierende der Wikipedia-Enzyklopädie gegenüber genauso kritisch wie Dozenten», sagt Professor Diaz-Bone. Einen reflektierten Umgang mit Wikipedia schult auch der Workshop der Zürcher Zentralbibliothek. «Ob ein Eintrag vertrauenswürdig und nützlich ist, können letztlich nur Sie entscheiden», ermutigt Kohout seine Zuhörer.

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