Assange.

aus Neue Zürcher Zeitung, 10. 12. 2010

Verlorene Unschuld

Assange unter Anklage

Barbara Villiger Heilig · Als «geheim» oder «vertraulich» geltende Dokumente stehen im weltweiten Web. Inwiefern das richtig oder falsch ist, darüber debattieren die einen, die andern lesen unterdessen Wikileaks; manche tun beides. Der Gründer und Chef des Internetportals, Julian Assange, ist aber nicht verhaftet worden, weil er die Dokumente publiziert hat, sondern wegen vorgeworfener Vergewaltigung; und deshalb schaut die Weltöffentlichkeit nun auch unter die Bettdecken zweier Frauen, die mit Assange Sexualverkehr hatten. Was sich genau abspielte in den Betten, ist naturgemäss schwierig zu rekonstruieren; meistens lädt man zum Sex keine Zeugen ein.

Was an Geschichten kursiert – sie sind u. a. die Basis für das Verfahren vor Gericht -, sieht etwa wie folgt aus: Eine Schwedin namens Anna A. beherbergte Assange; sie teilten nebst der Wohnung eines Abends auch das Bett. Kondome waren im Spiel, eines soll geplatzt sein. Anna A. organisierte darauf eine Party für Assange und zwitschert via Twitter Einladungen ins Blaue. Ihr Nachtgefährte flirtete da bereits mit einer anderen Schwedin, Sophia W., die ihn auf einem Seminar erlebt hatte und sogar mit ihm ins Kino gegangen war. Bei Anna A.s Party telefonierte Assange offenbar mit Sophia W., um ein Treffen zu vereinbaren. Auch mit ihr sei er «intim geworden», wie es heisst. Tage später lernten sich die beiden Damen kennen, weil Sophia W. sich bei den Veranstaltern des Seminars nach dem Verbleib von Assange erkundigte und per Telefon an Anna A. gelangte. Die Szene darf man sich als Fernsehserien-würdig vorstellen, denn bei dem Gespräch kam an den Tag, welch treuloser Lover Assange war. Für kein weibliches Wesen wirkt ein solcher Moment speziell erhebend; in Filmen sinnen die Betroffenen jeweils auf Rache.

Im richtigen Leben scheinen Anna A. und Sophia W. den Film gewechselt zu haben – von «Sex and the City» zu «Desperate Housewives»: Sie marschierten gemeinsam zur Polizei, wo das geplatzte Kondom die Hauptrolle übernahm. Aus den Liebesnächten wurden so handkehrum Vergewaltigungen. Es ist alles eine Frage der Definition, in Schweden freilich aufgrund des strengen Sexualstrafrechts auch eine Frage der Gesetze und ihrer Auslegung. Ab welchem Punkt eine erotische Begegnung in «Belästigung», «Nötigung» oder «Ausnützung von Opfern» umschlägt, ist zwar weder inner- noch ausserhalb Schwedens in jedem Fall blosse Interpretationssache. Im vorliegenden sieht es aber deutlich danach aus; überlassen wir den Anwälten die Aufgabe, herauszufinden, wer «schuld» war an Flirt, Anmache, Verführung bzw. wann genau das Getändel umschlug in Gesetzesbruch. Möglicherweise entpuppt sich ja der Kondom-Hersteller als Hauptschuldiger, er soll sich vorsehen.

Den Schwedinnen aber, allgemein, blühen fortan keusche Zeiten, wenn sie in der Disco, wo bekanntlich gern Alkohol konsumiert wird, auf Eroberung gehen (Geschlechtsverkehr mit stark Alkoholisierten gilt in Schweden als Vergewaltigung). Was nämlich die Männer betrifft, sind sie gut beraten, ihre Partnerinnen nach dem Pass zu fragen, bevor sie konkreter werden, sprich: intimer.

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