Sie plaudern sich die Finger wund

aus Neue Zürcher Zeitung, 13. 12. 2010

Elektronische Kommunikationsmittel verleihen dem schriftlichen Austausch neue Dimensionen

Die Jugend tippt dabei kräftig mit

Der Siegeszug der Instrumente SMS und Internet hat die Bedeutung der Schriftlichkeit im privaten Austausch erhöht. Eine Zürcher Studie relativiert nun Bedenken, der oft informelle Charakter könnte die Standardsprache der Jugend beeinflussen.

Von Urs Bühler

Wenigstens schreibt und liest sie wieder! So lautet der Stossseufzer vieler Erwachsener, wenn es um die Mediennutzung der heutigen Jugend geht: Kommunikationsmittel wie SMS, E-Mails und Chats bescheren dem schriftlichen Austausch nicht nur in dieser Altersgruppe eine Hochblüte, ähnlich wie Internet und Pendlerzeitungen das tägliche Lesen wieder populär gemacht zu haben scheinen. Hier wie dort stellt sich indes die Frage: Ist die neue Popularität der Schriftlichkeit allenfalls erkauft durch einen Mangel an Differenziertheit? Lässt die Bombardierung mit Satz-Häppchen, wie sie in Gratiszeitungen und im SMS-Verkehr üblich sind, das Gespür für vollständige Syntax verkümmern? Oder soll man sich lieber über die wort- und formbildende Kraft freuen, über die nachgerade poetische Verdichtung in der Kürzestform SMS – und wie ein Grossteil der Wissenschaft von Wandel statt Zerfall sprechen?

Schriftlicher Dialog

Als der sogenannte Short Message Service (SMS) vor bald zwanzig Jahren erfunden wurde, glaubte kaum jemand an sein Potenzial. Heute hat dieses Instrument einen Siegeszug von beispiellosem Tempo hinter sich. Es werden in der Schweiz täglich über 10 Millionen SMS verschickt, und das dazugehörige Verb «simsen» hat sich im Duden eingenistet.

Zu den Gründen für den sagenhaften Erfolg gehört die neu geschaffene Möglichkeit eines diskreten und unkomplizierten Austauschs quasi in Echtzeit. Da es sich zwar um eine schriftliche Form handelt, die aber eine dialogische Funktion erfüllt, spielen Eigenarten des mündlichen Sprachgebrauchs stark hinein. So schreiben zum Beispiel viele Jugendliche ihre SMS gerne in Dialekt.

Dürfte schon der Schritt von der Schreibmaschine zum Computer die Art und Weise der Textproduktion entscheidend verändert haben, so könnten die jüngsten Entwicklungen dies noch potenzieren. Manche Beobachter prognostizieren gar ähnliche Auswirkungen, wie sie die Erfindung des Buchdrucks mit sich brachte. Das hat auch damit zu tun, dass Blogs und Plattformen wie Facebook die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Schreiben verschwimmen lassen. Dies wiederum gehört zu den Gründen dafür, dass sich eine wachsende Zahl von wissenschaftlichen Untersuchungen aus verschiedenen Disziplinen den zugehörigen Phänomenen widmet. Die Linguistin Christa Dürscheid etwa erforscht am Germanistischen Seminar der Universität Zürich seit Jahren Aspekte der Jugendsprache, auch im Kontext der neuen Medien; ihre jüngste, soeben in Buchform herausgekommene Studie gilt der Frage, ob die private Nutzung elektronischer Schreibformen den Sprachgebrauch im schulischen Umfeld nachweislich beeinflusst.

Dialekt fliesst in Schultexte

Das Forscherteam analysierte von 2006 bis 2009 akribisch rund 1000 schulische Arbeiten sowie ähnlich viele elektronisch übermittelte Freizeittexte von Jugendlichen aus Deutschschweizer Gymnasien, Sekundar- und Berufsschulen. Das Fazit: Der Einfluss scheint geringer als angenommen. Er liess sich auf der gewählten Versuchsbasis kaum nachweisen. Das galt auch für Schüler, die nach eigenen Angaben privat besonders oft SMS, E-Mails und Chat-Beiträge tippen. So kommen die Verfasser zum Schluss, dass die häufige Nutzung dieser Formen in der Freizeit weder als Vor- noch als Nachteil für den Erfolg im Deutschunterricht gelten könne.

Gleichzeitig tritt im untersuchten Material eine grosse Variationsbreite an Stilmitteln zutage, die durchaus situationsgerecht eingesetzt werden. So fand sich beispielsweise nur eine einzige der Inflektiv-Konstruktionen wie «*freu*», die bei der Jugend im elektronischen Schriftverkehr sehr beliebt sind, in einem Schultext wieder. Die Schlüsselfrage, ob die Jugend heute ihren Stil noch den verschiedensten Schreibsituationen anzupassen vermag, wird somit von den Verfassern tendenziell bejaht.

Allerdings ist einzuschränken, dass auf lexikalischer Ebene in einem bestimmten Bereich eine Auffälligkeit verzeichnet wurde: Mundartliche Wörter flossen auffallend oft in Schultexte ein. Das könnte eine Folge dessen sein, dass gerade durch den SMS-Verkehr für viele Junge der Dialekt im schriftlichen Umgang erste Wahl ist und so ein Konkurrenzverhältnis zur Schriftsprache entsteht. Auch deshalb empfiehlt die Studie, dass die Schule das Schreiben in unterschiedlichen Kontexten und Medien vermehrt zu thematisieren habe.

Noch viel zu forschen

Mit dem bei Sprachwissenschaftern verbreiteten Reflex, Entwicklungen aller Art fast schon euphorisch zu werten, wird in der vorliegenden Studie zwar angenehm zurückgehalten. Umgekehrt erhalten hier aber auch jene eher seltenen Stimmen aus der Forschung keine neue Munition, die nachdrücklich vor einem verkümmernden Repertoire warnen. Zumal allgemeine Aussagen über die Entwicklung der Sprachkompetenzen nur mit Hilfe von erweiterten Versuchsanlagen möglich wären: Die Frage, inwiefern die Nutzungen elektronischer Medien allgemein den Sprachgebrauch und die Sprachfähigkeiten über die Jahre hinweg verändern, müsste in Langzeitstudien geklärt werden – was in Zürich bereits vorbereitet wird.

Gespannt sein darf man zudem auf Resultate eines international angelegten Projekts, das eine überaus breite Datenbasis für SMS-spezifische Sprachformen schafft: Vor einem Jahr wurde unter anderem die Schweizer Bevölkerung aufgerufen, private Kurznachrichten aus dem Speicher ihrer Mobiltelefone für Forschungszwecke zur Verfügung zu stellen. Unter Federführung der Universitäten Neuenburg und Zürich wird das so gesammelte Material nun sprachwissenschaftlich untersucht.

Christa Dürscheid, Franc Wagner, Sarah Brommer: Wie Jugendliche schreiben. Schreibkompetenz und neue Medien. De Gruyter, Berlin/New York 2010.

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