Leaks als Geschäftsmodell.

aus Neue Zürcher Zeitung, 14. 12. 2010

Illegal? Mausklick-egal.

ras. · Wenn Chaoten durch Strassen ziehen, Scheiben einschlagen und den Verkehr behindern, provoziert dies regelmässig empörte Kommentare. Wenn sich – wie dieser Tage – Fans von Wikileaks zusammentun und mit gezielten Angriffen Websites lahmlegen, sind die Reaktionen verhalten. Höfliche Analysen und Expertengespräche erscheinen. Von rein symbolischen Handlungen ist die Rede. Tatsächlich sind beides Gewaltakte. Wer davon betroffen ist, wird den Vorfall keineswegs lustig finden.

Die unterschiedlichen Reaktionen spiegeln einen Mentalitätswandel, den das Internet fördert. Das Netz der Netze stärkt libertäre, wenn nicht anarchistische Allüren. Da hier eine Handlung bloss aus ein paar Klicks auf die Tastatur besteht, scheint alles so leicht wie legitim. Es geht ja keine Scheibe in die Brüche, niemand wird physisch verletzt. So findet digitale Subversion weitherum heimliche Sympathie.

In dieser antiautoritären Stimmung gerät jener, der die Wikileaks-Publikationen von US-Dokumenten kritisch beurteilt, schnell in den Verdacht braver Staatsgläubigkeit. Und weil die Kritiker meist Journalisten sind, heisst es dann, es gehe diesen bloss um das Niederschreiben der neuen, im Internet herangewachsenen Konkurrenten.

Das stimmt nicht. Unbestritten gehören Dokumente, welche Betrügereien, Menschenrechtsverletzungen oder andere Rechtsverstösse belegen, ans Licht der Öffentlichkeit. Solches zu tun, ist journalistische Pflicht. Ebenso braucht es kompromisslosen Quellenschutz. Medienhäuser dürfen wegen entsprechender Publikationen nicht polizeilich verfolgt werden. Eine Ausnahme von dieser Medienfreiheit kann der Staat nur geltend machen, wenn die nationale Sicherheit auf dem Spiel steht.

Die bisherigen Wikileaks-Publikationen zählen nicht zu diesem Ausnahmefall. In diesem Sinne soll Wikileaks ebenfalls vom Schutz der Publikationsfreiheit profitieren. Zwar erschüttert die Naivität, wie Journalisten Aussagen von Diplomaten über Aussagen von anderen Politikern gleich schon als bewiesene Tatsachen interpretieren. Doch auch das verantwortungslose Verbreiten von Klatsch aus dem Diplomatenmilieu ist Teil der Medienfreiheit.

Zeitgeistinterpreten sagen, mit dem Erstarken von Wikileaks verlören die Medien ihre zentrale Rolle als Drehscheibe für Informationen. Theoretisch ja. Praktisch bleiben sie als Organisatoren von massentauglicher Aufmerksamkeit wichtig. Nun entbrennt ein harter Kampf ums Internet-Geschäftsmodell Geheimnisverrat. Denn mit exklusiven Informationen können Medien ihre Marktposition stärken. Die «Sonntags-Zeitung» hat auf ihrer Website eine Hotline für Whistleblower eingerichtet. Dasselbe will die westdeutsche Gruppe WAZ tun. Die Idee wird weitere Nachahmer finden. Staat und Gesellschaft geraten unter argen Transparenz-Stress.

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Openleaks vor dem Start

Eine Art Briefkasten

ras. · Diese Woche soll Openleaks starten, eine neue Enthüllungsplattform. Mit dabei sind ehemalige Wikileaks-Aktivisten. Im Gegensatz zu Wikileaks will die neue Website nichts selber veröffentlichen, wie Openleaks-Vertreter Herbert Snorrason der «Süddeutschen Zeitung» am Montag sagte. «Wir bauen nur ein sicheres Computernetzwerk, eine Art elektronischer Briefkasten. In den kann jeder brisante Dokumente werfen und selbst bestimmen, wer die Papiere bekommen soll.»

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